Sie fanden jedoch bald, daß die Hütte mit ihrem ärmlichen Aeußern dem Innern vollkommen entsprach. Sie war von Pfählen und Reisig gebaut, luftig allerdings genug und dem heißen Klima zusagend und nur mit einem guten dichten Dach bedeckt, schien aber sonst sehr dürftig ausgestattet und enthielt nur einige Stücke europäischer Ausstaffirung, auf welche die Seeleute Anfangs jedoch nicht achteten, weil eine merkwürdige Gruppe im Mittelpunkt der Hütte ihre Aufmerksamkeit völlig in Anspruch nahm.
Auf einem dort ausgebreiteten Löwenfell – sonst aber auf der blanken Erde – lag nämlich ein großer, schwarzer, unförmlicher, aber lebendiger Klumpen, dem selbst der Doktor nicht gleich eine bestimmte Form und Gestalt geben konnte, während oben darauf ein kleiner, schlanker, kaffeebrauner Bursche, die Arme in die Seite gestemmt, gymnastische Uebungen auszuführen schien, denn er stieg und tanzte darauf herum, obgleich es eine Geschicklichkeit zu erfordern schien, das Gleichgewicht dabei zu erhalten.
Links in der Ecke balgte sich eine Anzahl von Kindern unter der Aufsicht von zwei jungen Mädchen, ohne indessen von dieser Produktion weitere Notiz zu nehmen, und der Doktor besonders gab sich die größte Mühe, nur erst einmal herauszubekommen, was er da eigentlich vor sich habe und was es bedeute. Aber es dauerte nicht lange, so begann er, trotz dem in der Hütte herrschenden Dämmerlicht, doch einige Umrisse an dem Klumpen zu unterscheiden, der sich bald als ein wirklich menschliches Wesen, wenn auch in wunderlicher Verunstaltung, herausstellte. Da war in der That ein dicker, wolliger Kopf, da war etwas, das wie Beine und Füße aussah, wenn auch nur im kürzesten aber dicksten Maßstab – alles Uebrige mußte aber Körper oder Rücken sein, denn das merkwürdige Geschöpf lag, wie er jetzt bemerkte, auf dem Bauch, und der kleine gelenke Bursche tanzte eine Art von Menuet auf seinem Rückgrat.
Erstaunt sahen sich der Steuermann und Doktor, während der Matrose mit offenem Mund daneben stand, nach ihrem Führer um, dieser winkte ihnen aber mit der ernsthaftesten Miene von der Welt zu, ruhig zu bleiben, und deutete dabei ehrfurchtsvoll auf den schwarzen, nackten Fleischklumpen. – War das etwa der König?
Der Dicke schien sich indessen unter der Operation sehr behaglich zu fühlen; er stöhnte ein paar Mal vor Vergnügen und fing dann an, erst die Arme und dann die kurzen Beine auszustrecken, wälzte sich auch bald ein wenig nach der, bald nach jener Seite, so daß der kleine Bursche ungemein aufpassen mußte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und herabgeworfen zu werden.
Endlich schien aber der Koloß befriedigt; er grunzte fast vor Wonne, und nachdem er dem Kleinen etwas zugerufen, wornach ihn dieser noch ein paar Mal kräftig in's Genick trat und dann absprang, richtete er sich plötzlich in die Höhe, so daß er, den Fremden unmittelbar gegenüber, auf das Fell zu sitzen kam. In diesem Augenblick mußte er auch zum ersten Mal den Besuch bemerken, denn er sah sie einen Moment so verdutzt an, daß besonders der Doktor ein herauswollendes Lachen kaum verbeißen konnte. – Ob er sich vielleicht genirte, bei seinem »Tretbad« von den weißen Männern beobachtet worden zu sein? Das war wohl kaum der Fall, indeß gewann er seine Fassung sehr bald wieder. Er winkte dem Knaben und rief ihm ein paar Worte zu, wonach ihm dieser eine Art von Oberhemd aus rothem Kattun überwarf, was seine Toilette beendete. Dann redete er den Dolmetsch an.
Dieser machte eine ehrfurchtsvolle Verbeugung, nahm ohne Weiteres dem Matrosen das Blechkästchen ab und setzte es neben sein Oberhaupt nieder. Dem Steuermann entging auch der ungnädige Blick nicht, den dieser darauf warf, sich dann aber doch herabließ, es zu öffnen und hineinzuschauen. Der Doktor behielt indessen Muße, ihn etwas näher zu betrachten, und mußte sich gestehen, in seinem ganzen Leben noch kein ähnliches menschliches Wesen gesehen zu haben.
Der kleine dicke Bursche, wie er da vor ihm saß, konnte kaum mehr als vier Fuß hoch sein und war dabei in der That lauter Bauch. Ja es sah ordentlich aus, als ob der Kopf, ohne auch nur einen Zollbreit Hals zu gestatten, fest und tief in den unförmlichen Körper hineingeschraubt worden wäre. Beine und Arme zeigten sich dazu von ganz unmäßiger Dicke und an Gewicht mußte er wenigstens drei Centner wiegen – wenn nicht noch mehr. Frisirt schien er an dem Morgen nicht zu sein, die Haare standen ihm in struppigen, fest ineinander gerollten Wollbüscheln nach allen Seiten hinaus und aus dem dicken, fettglänzenden Gesicht stierten ein paar kleine, wie zusammengekniffene Augen eben nicht besonders freundlich bald die Fremden, bald seinen Dolmetsch, bald den eben geöffneten Blechkasten an. Sein Inhalt beschäftigte ihn aber doch vor der Hand am Meisten, und er schien das Gebrachte auch nicht etwa als ein Geschenk, sondern vollkommen als Tribut zu betrachten, für den er sich natürlich nicht zu bedanken brauchte.
Der dicke Bursche mußte übrigens schon öfters mit weißen Fremden verkehrt haben, denn der Steuermann, der sich jetzt etwas näher in dem Gemach umsah, bemerkte eine Menge von Dingen, die ihm nur Europäer oder Amerikaner gebracht haben konnten. Dort drüben war an der Reisigwand ein Spiegel in Goldrahmen aufgestellt, der genau so aussah, als ob er früher einmal in der Kajüte eines Fahrzeugs gehangen; in der einen Ecke lagen Sophapolster, mit dem Ueberzug aber schon lange heruntergefault; dann standen in der Ecke mehrere Musketen mit Bajonneten und daneben einige Schiffscutlasse, während ein sauber gearbeitetes Mahagonischränkchen mit Perlmutterschloß ebensogut früher in eine Kajüte gehört haben konnte, denn Messingbügel waren jetzt noch daran zu erkennen.
Der Dicke indessen, der das geöffnete Kästchen eine Weile halb neugierig, halb mißtrauisch betrachtet hatte, griff jetzt hinein und zuerst nach einer oben aufliegenden langen Tafel Kautabak, an der er roch und sie dann, augenscheinlich befriedigt, neben sich legte. Die Kinder, die gesehen hatten, daß es dort irgend etwas Neues gab, kamen jetzt herbeigelaufen. Sie waren sämmtlich in dem Alter von etwa fünf bis neun Jahren und gingen, wie das bei solchen Stämmen gewöhnlich der Fall ist, »bis an den Hals barfuß«. Auch ihre Wärterinnen, die ihnen schon folgen mußten, kamen näher; sie waren ebenfalls neugierig geworden.