Unter dem Tabak fand Seine Majestät jetzt eine große, dicke, aber unechte Uhrkette, auf welche sich der Kapitän, als er sie in den Kasten legte, nicht wenig zu Gute gethan. Der König griff auch rasch danach, hatte sie aber kaum in die Hand genommen, als er sie schon mißtrauisch betrachtete, dann – wie den Tabak vorher – an die Nase hob und scharf und lange daran roch. Die Untersuchung mochte aber nicht zu ihren Gunsten ausgefallen sein, denn er schüttelte mit dem Kopf und warf sie dann – ohne sie weiter eines Blickes zu würdigen – verächtlich unter die Kinder, die jubelnd darüber herfielen.

Das abgemacht, griff er zwischen die andern Dinge hinein, schien aber nicht viel Tröstliches herauszufischen: ein paar bunte, aber baumwollene Taschentücher – ein paar Schnüre Glaskorallen – einen kleinen Spiegel im Futteral – eine Scheere, und müde des nutzlosen Suchens drehte er endlich in etwas summarischer Weise den Kasten um, schüttete den ganzen Inhalt auf die Decke und wühlte in den Dingen, die Kapitän Oacutt als Kostbarkeit eingepackt, geringschätzig mit dem rechten Fuß herum. Es zeigte sich auch in der That nichts darunter, was er hätte gebrauchen können oder mögen; nur eine kurze Tabakspfeife nahm er noch für sich und schob dann den ganzen Plunder mit seinem dicken Bein den Kindern zu.

Von der Gelegenheit suchte auch eine der »Bonnen« Nutzen zu ziehen und griff nach einer Schnur hellblauer Glasperlen, aber ihr Herr und Gebieter war – unglücklicherweise für sie – nicht in der Laune, irgend eine Vertraulichkeit zu gestatten. Er schlug mit der rechten Hand aus und traf das arme Mädchen so derb gegen den Nacken, daß sie wie betäubt zur Seite taumelte und dann leise wimmernd aus dem Wege kroch. Der kleine Tyrann nahm aber keine Notiz von ihr – er war ärgerlich geworden. Sollten das etwa Geschenke für einen König sein, wie sie ein fremdes Schiff ihm als Tribut bringen mußte? Wollten die Weißen ihn verhöhnen? Und zornig wandte er sich an den Dolmetscher, der achselzuckend und gebückt, als ob er die Stellung schon einmal von einer deutschen Hofschranze abgesehen, ihm gegenüberstand und die Vorwürfe geduldig und demüthig mit anhörte. Kaum aber hatte der König geendet, als er sich auch, jetzt selber zornig und seinen Monarchen repräsentirend, an die Fremden wandte und all' die Vorwürfe mit fast schreiender Stimme wiederholte, die er eben mit angehört. Der Sinn der Rede war etwa folgender: »Aus welchem Lande kommt ihr, daß ihr glaubt, ihr dürftet dem Fürsten eines Volkes Kinderspielzeug zum Geschenk bringen? Geht fort und kehrt nicht eher zurück, bis ihr mit einer würdigen Gabe nahen könnt.«

»Alle Wetter!« rief der Steuermann überrascht aus, »wie mir scheint, müßt ihr selber hier sehr reich sein, wenn ihr das, was in unserem Lande als Kostbarkeit gilt, so verächtlich bei Seite werft. Wir geben, was wir haben, und es ist möglich, daß wir Sachen an Bord finden, die Deinem König noch besser gefallen, aber dann müssen wir auch vorher wissen, was ihr uns zum Handel bieten könnt und ob es der Mühe lohnt, mit euch zu verkehren.«

Der Dolmetsch übersetzte, was ihm der kecke Fremde gesagt, und die Antwort des Königs lautete, daß sie Sklaven zum Tausch hätten – Sklaven genug, um sein ganzes Schiff zu beladen. Brooks, der Steuermann, schüttelte aber mit dem Kopf und erwiederte: sie wären keine Sklavenhändler, die nur an die Küsten fremder Länder kämen, um Menschen zu stehlen. Sie wollten Waaren – Produkte des Landes haben – Elfenbein, Straußenfedern, Gummi, Goldsand oder was da wäre, und die Geschenke für den König sollten dann dem entsprechend ausfallen.

Dieser erhielt das Gesagte wieder übersetzt und bedachte sich einen Augenblick – er überlegte wahrscheinlich, ob er durch eine Antwort darauf seiner Würde nichts vergebe. Endlich nickte er leise vor sich hin und rief ein paar rauhe Worte, wonach dann der Dolmetsch den Fremden nur winkte, ihm zu folgen.

Der Doktor, der nicht gern eine Höflichkeitsform versäumen wollte, zupfte den Steuermann und flüsterte ihm zu, ob sie sich nicht vorher bei Seiner Majestät verabschieden müßten. Der Dicke schien aber gar keine weitere Notiz von ihnen zu nehmen, sondern drehte ihnen höchst ungenirt den breiten Rücken zu, wonach die Fremden es dann auch nicht weiter für nöthig hielten, irgend eine sonst vielleicht verlangte Ceremonie zu beachten.

Drittes Kapitel.
Die Schatzkammer.

Ihr Führer schritt mit ihnen direkt wieder zum Strand zurück und der Richtung zu, in welcher ihr Boot lag. Der Steuermann aber, immer noch die Gedanken an das Wrack im Kopf, wollte die Gelegenheit nicht versäumen, vielleicht etwas Näheres darüber zu erfahren, und als sie wieder den freien Raum betraten, von dem aus man die dunklen Umrisse des gestrandeten Fahrzeugs eben erkennen konnte, sagte er, anscheinend leichthin: »Was ich gleich sagen wollte, Freund! Was war das eigentlich für ein Fahrzeug, das da drüben in den Büschen so fest vor Anker liegt?«

»Welches?« sagte der Schwarze, als ob es zehn verschiedene gegeben hätte.