Wer den Angriff begonnen, konnte er nicht erkennen, aber er sah nur, daß der König selber mit seiner Lanze nach einem der Weißen schlug, während sich der Dolmetsch mit einem Cutlaß, den er jedenfalls dem verdachtlos neben ihm stehenden Matrosen entrissen haben mußte, auf den Steuermann warf und einen Schlag nach ihm führte. Aber er war an den Unrechten gekommen, denn Brooks' Hand hatte fast unwillkürlich schon im ersten Moment den Griff seines Revolvers gesucht, und nicht rascher holte der Schwarze mit der scharfen Waffe zum Schlag aus, als es zweimal schnell hintereinander aus dem Rohr blitzte, und der Eingeborne, wo er stand, in die Kniee brach und zu Boden stürzte. Ehe sich der Seemann aber nur gegen einen neuen Feind wenden konnte, fielen ihm von hinten vier oder sechs riesige Schwarze in die Arme, Andere warfen sich auf die Matrosen; ein Theil unten stürmte gegen das Boot an, und er selber fand sich von etwa einem Dutzend Wilder angegriffen, die mit ihren gehobenen Wurfspeeren auf ihn einsprangen. Allerdings hatte er die eigene Waffe schon in der Faust, und drei Schüsse feuerte er mitten hinein in den Trupp. Einer fiel auch, aber ihre Wurfspeere flogen aus, und er fühlte einen stechenden Schmerz in Arm und Bein.

Fast blind vor Wuth schoß er seine letzten Kugeln gegen die Feinde ab und wandte sich dann zur Flucht. Aber wohin – voraus – nach rechts und links war ihm der Weg abgeschnitten, und nur auf die Umzäunung, die den Löwen barg, trieben sie ihn zu. Und wie brüllte die Bestie, als sie die in ihrer unmittelbaren Nähe abgefeuerten Schüsse und das wüthende Geheul der Eingebornen hörte!

Der Doktor wußte kaum, was er that, denn er sah den Tod von allen Seiten auf sich eindringen. Erbarmen hatte er von den Menschen nicht zu hoffen, und wie von einer unbewußten Gewalt getrieben, floh er der Thür des Käfigs zu, als ob er Schutz suchen wollte bei der Bestie.

Mit einem Jubelruf folgten ihm die Wilden, denn dort konnte er ihnen nicht mehr entgehen; wieder hoben sich die Speere zum Wurf, da riß er, von Verzweiflung getrieben die Riegel der Thür zurück – Rache wollte er haben – nicht allein von der mörderischen Bande hingeschlachtet werden, und wenn er dann untergehen sollte, wenigstens Verderben über seine Mörder bringen.

Kaum hatte er aber die Riegel der Thür erfaßt, als ein wilder, gellender Angstschrei aus der Menge brach – jetzt flog die Pforte auf, und mit einem Sprung stand der Löwe – freudiges Gebrüll ausstoßend, daß es wie dumpfer Donner durch das Thal rollte, auf der Schwelle. Furchtbar schön war auch der Anblick des so plötzlich seiner Freiheit sicheren Thieres, hoch schwang es den buschigen Schweif und hob sich die trotzig geschüttelte Mähne, und flammend kreiste das Auge rings umher, wie nach dem ersten Opfer suchend, während sich der Doktor scheu und selber erschreckt von der so plötzlichen Erscheinung des Raubthiers an die Pallisaden drückte.

Ordentlich zauberhaft wirkte aber die Erscheinung des freien Löwen auf die Bande der Schwarzen. Was kümmerten sie jetzt die Fremden, was ihr eigener so gefürchteter König. Wenn sie der Löwe fraß, war es mit ihnen jedenfalls vorbei, und im Nu stob der ganze Schwarm auseinander. Die dem Wasser Nächsten warfen sich in blinder Angst in die Fluth, Krokodile und Haifische verachtend – die Anderen schossen pfeilschnell über den Boden hin, den nächsten Büschen und Häusern zu – die Bootsmannschaft bekam Luft, und war wahrlich nicht faul, die Gelegenheit zu benutzen. Wen sie erreichen konnten, hieben sie mit ihren Cutlassen zusammen, und die im Boot unten sahen auch in der That den Löwen erst, als er jetzt in langen Sätzen, und sich weder um die flüchtigen Eingebornen, noch die Weißen kümmernd, dem nächsten Dickicht zufloh.

Der Einzige jedoch von Allen, der nicht von der Stelle konnte, und nur starr vor Schrecken und Entsetzen zu dem entfesselten Löwen hinaufstarrte, war Zambiri, der König jener Helden, während sein Knabe in flüchtigen Sprüngen bei den Weißen Schutz gesucht. Der Steuermann ließ ihm aber keine lange Zeit zum Ueberlegen. Denn kaum sah er, daß sie selber den Angriff des Raubthiers nicht mehr zu fürchten brauchten, als er eine der von den Eingebornen weggeworfenen Kriegskeulen aufgriff, und mit den Worten: »Und das für Dich, Du verrätherischer Schurke!« den Dicken dermaßen über den Schädel traf, daß er wie ein Sack zusammenknickte.

»Hurrah!« rief aber jetzt der von oben niederspringende Doktor, »mein Löwe hat uns Bahn gemacht, aber den Dicken in's Boot. An dem haben wir eine Geißel, und beim Himmel, die Schufte sollen bezahlen, wenn sie ihn wieder haben wollen!«

»Das war ein glücklicher Gedanke, Doktor,« rief der Steuermann, »angefaßt, Jungens, daß wir den Fleischklumpen bewältigen können – schlagt ein Tau um und schleift ihn auf dem Sand hinunter – so recht – nur rasch – und dann von Elephantenzähnen in's Boot, was wir laden können, denn die Bahn da oben ist frei.«

»Aber der Schooner!« rief der Doktor.