Allerdings zeigte es sich dabei als Hauptschwierigkeit, dem König begreiflich zu machen, er habe nur Proben vor sich; er wollte die ganzen Waaren vor sich aufgeschichtet sehen, um danach seinen Preis zu bestimmen, und der Dolmetsch hatte nicht geringe Mühe, ihm zu erklären, daß die Sachen an Land geschafft werden würden, ehe er sie zu bezahlen, oder den Werth dafür herauszugeben habe. Er veranlaßte auch, daß ein Elephantenzahn aus des Königs Wohnung herbeigeschafft wurde, um als Maßstab zu dienen und Brooks berechnete sich schon, nach dem was ihm der Dicke zugestand, daß sie ungefähr 500 Prozent Nutzen an ihren Waaren haben würden. Der König bewilligte, wie er nur erst einmal den Handel begriff, einen Zahn nach dem anderen, und besonders für Taback stellte sich der Nutzen ganz enorm heraus.
Aber es zögerte sich auch furchtbar in die Länge, denn wenn Brooks glaubte, sie wären fertig, so ließ Zambiri die ganze Sache noch einmal von vorn anfangen, und wollte dann immer wieder etwas abhandeln. Dabei hatte er sich jetzt so gesetzt, daß er das Fahrzeug draußen immer im Auge behielt, während der Steuermann, den er bald da, bald dort hin rief, die Waaren zu zeigen, der See den Rücken zu drehte.
Neben diesem standen noch die beiden Matrosen als Wächter der umhergestreuten Sachen. Der Doktor aber, dem der Handel langweilig wurde, da er persönlich gar kein Interesse daran hatte, schlenderte langsam nach der Umzäunung hinauf, von woher zu Zeiten das dumpfe Brüllen des Löwen herübertönte. Was war da heute Morgen vorgegangen? Er bekam vielleicht nie im Leben wieder so passende Gelegenheit, um sich den Platz etwas näher zu betrachten, denn von den Leuten achtete Niemand auf ihn, oder legte ihm das Geringste in den Weg. Ein Schauder erfaßte ihn aber, als er den Platz, um den herum schon eine Menge von Aasgeiern ihren Sitz genommen, erreichte, und durch die Spalten in den Palissaden die verstümmelten Ueberreste jenes Unglücklichen entdeckte, den die Grausamkeit des wilden Ungethüms eines erbärmlichen kleinen Diebstahls wegen zum Tod, zu einem solchen Tod verurtheilt hatte.
Dort drüben, dicht neben den Schätzen des Wütherichs, lag der zerstückelte Leichnam, von dessen Anblick sich selbst das Auge des Arztes in Ekel und Mitleiden abwandte, und der jetzt gesättigte Löwe ging mit langen, majestätischen Schritten in der Umzäunung auf und ab, peitschte sich die Flanken mit dem Schweif und leckte sich die Lefzen mit der rauhen Zunge. Die Aasgeier aber warteten nur auf den Moment, wo sich der rastlose König der Thiere zur Ruhe ausstrecken würde, um dann ebenfalls auf die willkommene Beute niederzufallen und ihre Schnäbel einzuhauen.
Und wie scheinbar schwach war eigentlich der ganze Umbau, der das Raubthier einschloß. Wenn es die riesigen Kräfte, die es besaß, genau gekannt hätte, mußte es ja im Stande sein, diesen luftigen Kerker zu durchbrechen. Auch sogar die Thür bestand nur aus roh gezimmerten Balken, die man durch Schnüre oder Streifen ungegerbter Büffelhaut allerdings fest verbunden hatte. Den ganzen Verschluß bildeten jedoch zwei von außen vorgeschobene hölzerne Riegel, während eine Abtheilung im Inneren dazu bestimmt schien, den Löwen in einem Theil des Platzes abzuschließen, um dann ungefährdet zu den Elephantenzähnen zu gelangen. Zwei hölzerne Riegel nur, und nicht einmal ein Pflock war davor geschlagen, um sie gegen einen doch möglichen Zufall zu schützen. Der Doktor versuchte den einen, er ging leicht und bequem; wie aber seine Hand nur die Thür berührte, stutzte der Löwe da drin, wandte sich halb und duckte sich wie zum Sprunge nieder. Er kannte jedenfalls den Ausgang, wenn er ihn auch nicht benutzen durfte.
Dem Doktor wurde es unheimlich der lauernden Gestalt des grimmen Thieres gegenüber; hatte er doch auch schon oft davon gehört, wie furchtbar eine solche Bestie den Menschen wird, wenn sie mit Menschenfleisch genährt, ja nur ein einziges Mal erst Menschenfleisch gekostet habe. Ordentlich erschreckt zog er die Hand zurück und wich von den Pallisaden ab, um ihn selbst nicht zu einem Sprung zu reizen. Wie leicht konnte das vielleicht schon mürbe Holz der Wucht eines solchen Anpralls nachgeben!
Welche Ewigkeit das aber auch da unten mit dem Handel dauerte; es war gar kein Ende abzusehen, und ein Wunder nur, daß der Kapitän nicht ungeduldig wurde. Zwei Stunden saßen sie dort jetzt wenigstens bei einander, und wenn sie schon zu den Proben solche Zeit brauchten, wie sollte es erst nachher werden, wenn die Waaren an Land kamen!
Er wandte sich langsam ab um wieder zurück zu der Gruppe zu gehen, als er den Steuermann plötzlich emporfahren und nach dem Schooner hinüber deuten sah. Fast in demselben Augenblick fiel von dort ein Schuß, und als er sich erschreckt der Richtung zu drehte, bemerkte er, wie die ganze Bai von dunklen Kanoes schwärmte, die alle auf den Schooner zuzuhalten schienen.
Fünftes Kapitel.
Der Löwe.
Doktor Spruce hatte in der Ueberraschung des ersten Augenblicks wirklich gar nicht auf seine unmittelbare Umgebung geachtet, denn im Moment war ihm klar, daß dort ein Ueberfall vorbereitet werde – also Verrath! Aber eben diese Umgebung drang sich ihm selber auf, denn er sollte nicht lange in Zweifel gehalten werden, wie weit die schurkischen Eingebornen am Ufer mit dem feindlichen Angriff da draußen in Verbindung standen.