Und Zambiri, der mächtige König des Landes? Er mochte wohl noch in seinem ganzen Leben in keinen schlimmeren Händen gewesen sein, denn unten im Boot, in einer nichts weniger als bequemen Lage, schienen sich die Matrosen ein Vergnügen daraus gemacht zu haben, die erbeuteten Elephantenzähne quer über ihn wegzulegen, so daß ihm die Last beschwerlich genug fallen mußte. Anfangs fühlte er das freilich nicht, der Schlag hatte ihn betäubt; als ihm aber die Besinnung wiederkehrte, fing er an zu stöhnen und zu grunzen und schrie einzelne Befehle mit zorniger Stimme vor. Er schien noch keine Ahnung zu haben, wo und in wessen Händen er sich eigentlich befand.
Das Boot näherte sich indessen dem Schooner mehr und mehr, und mit einem Hurrah wurde die Mannschaft begrüßt, als sie nur in Rufsweite gekommen waren. Allerdings schien die Gefahr noch immer nicht ganz beseitigt, denn eine Menge von Kanoes schwamm noch in der Bucht und folgte langsam nach, und diese mußten sie allerdings wieder passiren, wenn sie den Rückweg antreten wollten; aber die Eingebornen hatten Respekt vor den Feuerwaffen der Fremden bekommen und getrauten sich nicht wieder nahe hinan. Jetzt wenigstens wurden sie nicht gestört.
Vor allen Dingen wurde nun der schwer verwundete Matrose in einem rasch hergerichteten Stuhl an Deck gehoben, dann folgte das erbeutete Elfenbein und zuletzt der Fleischklumpen Zambiri's, mit dem die Seeleute aber verwünscht wenig Umstände machten. Einer der Leute festigte oben an das Gaffel einen Block, ein Tau wurde hindurchgezogen und dem unglücklichen Fürsten dann unter den Schultern durchgeschlagen, dann zog die Mannschaft mit einem: Oh, jolly men ho! kräftig an, und wenige Sekunden später war Zambiri, schreiend und vor Wuth mit den kurzen Beinen austretend, an Deck gehoben, wo ihn lautes Gelächter der Schoonermannschaft begrüßte.
Steuermann und Kapitän tauschten jetzt ihre Berichte gegen einander aus; Beide aber waren einig darüber, daß es das Beste wäre, nicht über Nacht vor der Stadt liegen zu bleiben, da die Wilden möglicherweise einen neuen Angriff wagen konnten. Aber in kurzer Zeit begünstigte sie auch wieder die ausgehende Ebbe, und bis dahin konnten sie wenigstens einen Versuch machen, einen Theil der feindlichen Schätze als rechtmäßige Beute zu bergen, noch dazu da sie für den Augenblick auch nichts von der Tapferkeit der einzelnen Truppen zu fürchten brauchten. Es war wenigstens kein einziger von ihnen auch nur zu sehen, und da der Platz fast unmittelbar am Ufer lag, eine Landung leicht und fast sicher auszuführen.
Zu einer solchen Arbeit sind die Matrosen immer leicht zu bekommen. Gefahr? was kümmerte sie die, wenn es galt, irgend einen tollen Streich auszuführen, und wie ihnen nun die Kameraden von der Umzäunung erzählten, in welcher der Löwe die Wache gehalten und wo die prachtvollen Elephantenzähne aufgeschichtet lägen, waren sie kaum mehr zurückzuhalten.
Indessen verfolgte der Schooner ruhig seine Bahn stromauf, und vorn am Bug stand der Steuermann, das Fernrohr am Auge, um das Land nach jeder Richtung hin abzusuchen. Aber nirgends war auch nur ein lebendes Wesen zu erkennen; der an dem Morgen noch so rege Platz schien wie ausgestorben, und nur die aus den Büschen aufragenden Giebel und Dächer verriethen, daß jene Strecke bewohnt sei – sonst wirbelte von keiner einzigen Feuerstelle selbst nur Rauch empor. Der Löwe hatte Wunder gewirkt.
Allerdings war es unter der Zeit schon ziemlich spät geworden, aber noch stand die Sonne am Himmel, und ein Versuch zur Landung konnte jedenfalls gemacht werden. Der Kapitän beorderte auch das zweite Boot auf's Wasser, was rasch geschehen war, und während der Schooner hier in vollkommen ruhiger, unbewegter See vor einem Nothanker lag, stießen sie ab und ruderten dem Land entgegen. Es wurde auch keine Vorsicht dabei versäumt, einem etwaigen Hinterhalt zu begegnen; die Leute gingen bis an die Zähne bewaffnet, und der Kapitän war dabei im Stande, mit seiner Drehbasse das ganze Ufer zu bestreichen.
Mit einem lauten Hurrah stürmten die Burschen, sobald die kleinen Fahrzeuge nur das Land berührten, die Bank hinauf und von dem Steuermann geführt der Umzäunung zu, wo sie sich dann freilich nicht zu den hier aufgehäuften Schätzen nöthigen ließen. Genau genommen war es vielleicht Raub, aber die verrätherischen Schwarzen mußten auch gezüchtigt werden, und wären sie Sieger geblieben, so würde wohl kaum ein Mann der Besatzung mit dem Leben davongekommen sein. Die moralische Seite der Frage beschäftigte die Leute aber auch in der That nur sehr wenig. Allerdings schauderten sie, als sie den Platz zuerst betraten und die indeß herbeigestrichenen Aasgeier von ihrem eklen Mahl verjagten; der verstümmelte Körper jenes unglücklichen Sklaven sah auch entsetzlich aus – aber sie durften sich nicht dabei aufhalten. Schon sank die Sonne hinter den Wipfeln der Bäume, und die Dämmerung ist gar kurz in diesen Ländern. So faßten sie denn auf, was sie erreichen konnten, und hatten erst zum zweiten Mal den Weg gemacht, als ihnen der Kapitän schon wieder das Zeichen zur Abfahrt gab. Es dunkelte, und er wollte seine Leute nicht der Gefahr eines Ueberfalls aussetzen.
Sechstes Kapitel.
Der Gefangene.
Unter der Zeit hatte aber auch der gefangene Häuptling sein volles Bewußtsein wieder erlangt und schäumte ordentlich vor Wuth, als er sich, gebunden und zu Boden geworfen, in der Gewalt seiner weißen Feinde sah. Aber die Seile hielten und schnitten ihm nur tief in die Fettwulsten seiner Glieder ein, und zu seinen Füßen saß, mit Schadenfreude in den dunklen Zügen, der Knabe und beobachtete vergnügt die machtlosen Anstrengungen des einst so gefürchteten Mannes.