Kapitän Oacutt lag aber weit weniger daran, dieß schwarze unförmliche Menschenbild zu quälen, als durch ihn seinen Zweck zu erreichen, nämlich die gefangenen Weißen zu befreien, falls sich diese noch in der Gewalt der Eingebornen befinden sollten. Es dauerte freilich lange, bis er Zambiri so weit brachte, ihm Rede zu stehen, und auf's Neue gerieth dieser außer sich, als er den Knaben, den er gewohnt war als Sklaven zu mißhandeln, frei und trotzig neben sich stehen und ihn verhöhnen sah. Aber er fühlte doch auch, wie machtlos er jetzt sei, und gab sich endlich ruhig in sein Schicksal. Allerdings wollte er Anfangs auf die an ihn gerichteten Fragen – wobei jetzt der Knabe als Dolmetsch gebraucht wurde, nicht antworten; als ihm dieser aber sagte, daß er nur dadurch seine Freiheit wieder erlangen könne und die Weißen ihn sonst mit in ihr Land als Sklaven schleppten, wurde er geschmeidiger.

Zuerst leugnete er freilich, von dem Wrack, wie den darauf befindlich gewesenen Weißen das Geringste zu wissen; endlich aber gestand er ein, daß sie Krieg mit ihnen geführt, weil die Weißen seine Unterthanen als Sklaven hätten fortführen wollen. Auch das gab er zu, daß sie zwei von ihnen gefangen an Land gehabt hätten, aber sie wären vor Kurzem mit einer portugiesischen Karawane fortgegangen, und er wüßte nichts weiter von ihnen.

Der Kapitän sagte ihm jetzt, daß er nur dadurch seine Freiheit wieder erlangen könne, wenn er die beiden Weißen herbeischaffe, denn er würde seinen Lügen nie glauben. Zambiri blieb aber bei seiner Behauptung und forderte die Weißen auf, den Knaben hinüber zu schicken und dort selber nachzufragen. Alle Eingebornen würden seine Aussage bestätigen.

Das war übrigens leichter gesagt, als ausgeführt, denn beide Boote befanden sich gerade an Land und die Leute dort emsig genug beschäftigt. Ueberdieß durfte er sie nicht länger drüben lassen, denn schon setzte mit der Abenddämmerung ein leichter dünner Nebel ein, der den freien Blick auf einige Entfernung hemmte. Unter dem Schutz desselben hätten die Wilden recht gut plötzlich vorbrechen können, und er war sogar der Gefahr ausgesetzt, daß sich der Nebel dichte und er den Weg nicht mehr aus der Bucht hinaus fand. – Für heute hatten sie jedenfalls ihre Arbeit hier gethan; er gab das Zeichen zur Abfahrt, und als die Boote an Bord zurückkehrten, kam der leichte Anker in die Höhe und der Schooner trieb langsam mit der Ebbe stromab und wieder in See hinaus.

Zambiri heulte laut auf, als er die Bewegung sah und jetzt bemerkte, daß sie weiter und weiter ab von seinem Reiche trieben, aber Niemand achtete auf ihn. An der Mündung der Bai fischte die Sarah Miles ihren vorher an einer Buoye gelassenen Anker wieder auf und hielt dann auf's Neue in offenes Wasser hinaus, wo sie keinen Angriff zu fürchten brauchte.

Erst am nächsten Morgen kehrte sie zurück, aber nicht wieder in die Bucht, in die sich der Kapitän nicht mehr hineinwagen mochte, sondern gegen das untere Ufer hielt er an, wo sie jetzt Eingeborne entdecken konnten. Wie aber nur das Boot ausgesetzt wurde, flohen sie in den Wald hinein und es hatte nicht geringe Schwierigkeiten, sie zu überzeugen, daß man keine Feindseligkeit beabsichtige, sondern nur zu unterhandeln wünsche. Der Knabe, obgleich er sich Anfangs dagegen sträubte, weil er fürchtete, daß man ihn zurückhalten würde, mußte endlich allein an Land, und es gelang ihm auch, Einzelne der tapferen Krieger zum Stehen zu bringen.

Die Auskunft, die er von diesen erhielt, lautete aber wirklich ganz ähnlich so wie die, welche ihnen schon Zambiri gegeben. Die beiden gefangenen Weißen hatten, weil sie immer krank waren und keine Arbeit verrichten konnten, mit den portugiesischen Händlern vor etwa drei Monaten das Land verlassen, und Niemand wußte zu sagen, wo sie jetzt wären – jedenfalls aber weit von hier.

Damit kehrten die Botschafter an Bord zurück, denn was hätte ihnen ein längerer Aufenthalt am Lande genützt? Aus Zambiri selber war ebenfalls nichts weiter heraus zu bekommen. Jetzt, mit der Todesangst, daß er fortgeschleppt werden sollte, war er auch mürbe und zahm geworden und unter Thränen schwur er, daß er die Wahrheit gesprochen – würde er den Fremden doch gern hundert Gefangene für seine eigene Freiheit gegeben haben. Er bot ihnen auch wirklich so viele von seinen eigenen Leuten als Sklaven an, wenn sie ihn wieder an's Ufer setzen wollten, und erklärte dabei, auf jeden Handel einzugehen, den sie vorschlagen würden. Oacutt traute aber dem Burschen nicht und wollte auch keine Sklaven haben. Mitnehmen konnten sie ihn aber nicht, was sollten sie mit dem Koloß an Bord thun, und der Knabe wurde deßhalb noch einmal an Land geschickt, um wenigstens ein Lösegeld für den König zu erhalten.

Zuerst sollten die Eingebornen die noch in der Umzäunung lagernden Elephantenzähne, welche die Matrosen gestern nicht alle fortgeschafft, zum Ufer herunterbringen, und ebenso den Koffer mit Geschenken, den er gestern erhalten – außerdem aber sämmtliche Sachen, die sie von jenem Fahrzeug der Weißen geraubt und die sich in Zambiri's Wohnung befanden.

Unter der Zeit hatte sich auch wieder eine Zahl von Eingebornen am Ufer versammelt, denn sie sahen wohl, daß die Weißen keine feindseligen Absichten mehr zeigten, und kamen jetzt, wahrscheinlich um ihren gefangenen König loszubitten. Uebrigens schienen sie sämmtlich bewaffnet, als ob sie doch noch einen Angriff der Fremden fürchteten, und da Oacutt auch das letzte Mißtrauen zu zerstreuen wünschte, so wurde der Doktor, den Knaben als Dolmetsch bei sich, mit einer weißen Flagge hinübergesandt. Der Steuermann nämlich konnte nicht gehen, da ihn seine Wunde zu sehr schmerzte.