Die Bedingung, die Spruce zu stellen hatte, lautete, daß die Eingebornen das »Lösegeld« am Ufer niederlegen und sich dann entfernen sollten. Die Weißen würden es dort in Empfang nehmen und ihren König dann ungesäumt an Land setzen.
Das Boot näherte sich, dieser Masse von Eingebornen gegenüber, nur höchst vorsichtig dem Ufer, und der Doktor hielt es für gerathen, selbst vornhinein zu treten und die Fahne zu schwenken, damit sie sähen, daß sie in friedlicher Absicht kämen.
Die Eingebornen standen indessen still und regungslos etwa hundert Schritt vom Ufer ab und unmittelbar vor dem nächsten Dickicht, wahrscheinlich um dort, wenn es etwa nöthig werden sollte, gleich hinein zu tauchen, und nur erst als das Boot, das aber vorsichtigerweise nicht auflief, sondern flott blieb, den Strand berührte und der Doktor, die Fahne in der Hand und nur den Knaben als Dolmetscher an seiner Seite, an's Ufer sprang, kamen drei der Schwarzen, aber ohne Waffen, zum Wasserrand herab, um zu hören, was die Weißen von ihnen wollten.
Der kleine Bursche richtete dabei die Botschaft aus, indem es ihm der Doktor auf Englisch vorsagte und er die einzelnen Theile übersetzte, und sie hörten ihn ruhig und aufmerksam an. Als er aber geendet, erwiederten sie, daß sie sich darüber erst mit dem Stamm berathen müßten – sie sollten nur ein wenig warten, sie kämen gleich wieder zurück.
Damit gingen sie und der Doktor machte sich schon auf eine lange Wartezeit gefaßt, denn daß die Eingebornen einen schwierigen Stand mit dem dicken König selber bekamen, wenn sie all' sein Eigenthum – und sei es auch zu seiner eigenen Rettung – hergaben, ließ sich denken. Sie schienen aber weniger Zeit zu brauchen, als er selber geglaubt, denn obgleich die Unterhandlung da oben ziemlich stürmisch herging und viel und laut gesprochen wurde, dauerte sie doch kaum eine volle Viertelstunde. Dann kamen die schwarzen Botschafter wieder zurück und ihre Antwort lautete in der Uebersetzung etwa folgendermaßen:
»Unser König war Zambiri. Er war blutdürstig und grausam. Er hat viele unserer jungen Leute hingeschlachtet und an die Weißen verkauft; wir waren Alle seine Sklaven. Ihr habt ihn weggenommen und auf euer Schiff gebracht – das ist gut. Behaltet ihn. Wir haben einen andern König gewählt und Alles, was dem früheren gehörte, ist jetzt sein Eigenthum. Wir wollen auch keinen Krieg mit den Fremden oder mit einem andern Stamm – wir wollen Frieden – Llefugo hat gesprochen.«
Der Doktor lachte gerade hinaus, als ihm der Knabe die Antwort übersetzte. Das war ein liebender Volksstamm, der sich herzlich freute, den Landesvater los zu werden, und nicht einen Elephantenzahn geben wollte, um ihn wieder zu bekommen. – Und was nun? Würdevoll aber standen die Abgesandten vor ihm. Sie hatten ihren Auftrag ausgerichtet und kein ferneres Interesse an der Sache. Eine weitere Verhandlung zeigte sich auch als völlig zwecklos, denn die Eingebornen ließen sich auf nichts mehr ein. Die Weißen mochten Zambiri mit fortnehmen, wenn es ihnen Freude machte; sie hatten einen andern König und wollten keinen Krieg.
Dabei winkte der Sprecher mit der Hand, und als thatsächlicher Beweis des eben Gesagten kamen eine Anzahl Frauen und Kinder, Anfangs zwar noch schüchtern, aber dann doch zutraulicher werdend, an die Landung herunter und brachten Körbe mit Früchten, Mangas, Cocosnüsse, Eier, junge Hühner und Ferkel, die sie zum Tausch anboten. Eine solche Aushülfe war nun allerdings erwünscht, und der Doktor hatte auch schon zu dem Zweck eine Partie Schmuck, Kattun und Tabak im Boot, was er ungesäumt gegen frische Provisionen eintauschte. Von ihrem König wollten sie aber nichts weiter hören – Zambiri war ihr König nicht mehr, wie sie sagten, und nur ein böser, schwarzer Mann, den die Weißen verkaufen sollten, wenn sie Lust hätten – sie wollten ihn aber nicht.
Damit fuhr der Doktor an Bord zurück und überraschte seinen Kapitän mit der allerdings unerwarteten Nachricht. Vollkommen wie rasend geberdete sich dagegen Zambiri selber, als ihm der Kleine mit boshafter Schadenfreude das wieder erzählte, was sein treues Volk über ihn gesagt, und als er hörte, daß sie an Land einen neuen König gewählt, fing er so an zu wüthen, daß die Matrosen endlich ein Stück Segeltuch über ihn herwarfen und ihn festhalten mußten, er hätte sonst, trotz seiner Bande, ein Unglück angerichtet.
Kapitän Oacutt kratzte sich den Kopf und lief auf seinem Quarterdeck mit raschen Schritten auf und ab. – Daß die hier früher gefangen gehaltenen Weißen den Platz wieder verlassen hatten, schien vollkommen sicher zu sein, denn halb und halb bestätigte das ja auch die Aussage des Knaben; was aber sollten sie jetzt mit dem Fleischklumpen an Bord machen, den sein eigenes Volk nicht einmal wieder haben wollte? Ihn mitnehmen? – Er wäre ihnen eine nutzlose Last gewesen – und über Bord werfen? – Verdient hätte er es, denn sein Steuermann saß mit einer häßlichen Wunde an Deck, und der eine Matrose war so bös getroffen, daß der Doktor schon bei dem ersten Verband bedenklich mit dem Kopf schüttelte. – Aber es ging doch nicht. Gefangen durfte er ihn nehmen, aber über den Gefangenen stand ihm kein Recht auf Leben und Tod zu.