»Auf die Wanderschaft will ich,« erwiederte aber Zacharias Hasenmeier, indem er seinen Hut jetzt wieder keck auf ein Ohr stülpte, »also Adjes Kapitain, leben Sie recht wohl, denn die Wirthschaft hier hätt' ich satt,« und damit drehte er sich um, der See zu, wo gerade eine riesige Woge heraufgestiegen kam, daß sie mit dem hohen Hinterdeck vollkommen gleich lief. Dort trat er auch ganz ruhig, als ob er ein festes Stück Grund und Boden unter sich gehabt, auf das Wasser hinaus, und sank natürlich in demselben Augenblick, wo er die Welle nur berührte, mit ihr in die Tiefe.

Er wollte jetzt schreien, aber das ging nicht mehr – oben hörte er nur noch den wildverstörten Ruf: Mann über Bord, und wußte jetzt, daß der Steuermann nun in seine Coje gehen und in sein Tagebuch schreiben werde: Mittwoch den 13. August Nachmittags halb vier – soviel Grad Länge, soviel Grad Breite, Mann über Bord gegangen – Zacharias Hasenmeier – das war seine Grabschrift und damit fuhr er ab – tiefer und immer tiefer.

Drittes Capitel.
Wie Hasenmeier den ersten Seegreis trifft.

Eigentlich war er selber sehr überrascht worden, als er hinaus aus dem Schiff trat, dort erst merkte, daß er auf gar nichts mehr stand und zu gleicher Zeit fühlte, wie ihm das Wasser nicht allein in die Stiefeln, nein auch schon in die Halsbinde lief, und gleich darauf über seinem Kopf zusammenschlug.

»Du meine Güte,« dachte er, »das ist doch hier eine verzweifelte Einrichtung mit den Chausseen, und wenn ich nach Hause komme« – weiter dachte er aber nichts, denn so rasch schoß er in die Tiefe, daß ihm Luft und Gedanken ausgingen, während er umsonst versuchte, sich irgendwo festzuhalten. Nicht einmal der bekannte Strohhalm war bei der Hand, nach welchem sonst ein Ertrinkender gewöhnlich greifen soll, und er kam eigentlich erst wieder zur Besinnung, als er sich gar nicht mehr besinnen konnte, wo er sei und was mit ihm vorging.

Da er aber keinen festliegenden Gegenstand mehr um sich her erkennen konnte, fühlte er auch nicht mehr, daß er sank, und die ganze Welt kam ihm nur in dem Augenblick wie eine riesige, grüne Glasflasche vor, in welcher er eingestöpselt herumschwamm. – Er wollte dabei Athem holen, aber das ging nicht, denn sobald er den Mund aufmachte, lief ihm das Salzwasser hinein, und trotzdem befand er sich wohl dabei, und es beschlich ihn eine Empfindung, als ob er kaum so viel wiegen könne, wie ein Schneidergeselle gleichen Alters.

Wenn ihn aber während dieser Zeit nicht eine – wie bisher irrthümlich berichtete – purpurfarbene, sondern weit eher Bouteillenglasfarbene Finsterniß umgeben hatte, so bemerkte er jetzt zu seinem Erstaunen, daß sich die Dämmerung augenscheinlich lichtete, Gegenstände umher wurden sichtbar – hie und da begegnete er einem riesigen Seeungeheuer, das sich faul in seinem Element herumwälzte, und keine Ahnung von der Nähe eines fremden Hutmachergesellen zu haben schien – unangenehme Quallen und Blasen trieben sich dort umher, und Fische sah er hier und dorthin schießen – ob die aber aufwärts fuhren, oder er abwärts, war er nicht im Stand zu sagen, denn seine ganze Aufmerksamkeit blieb in diesem Augenblick auf den, unter ihm befindlichen Raum gerichtet, der mit jeder Secunde mehr aus der dichten Finsterniß heraustrat, und mit einem ganz eigenthümlichen Licht übergossen schien.

So mußte es einem Menschen zu Muthe sein, der aus hoher Luft in einem Ballon zur Erde niedersank, so daß unter ihm, je tiefer er kam, das weite Land heller und klarer sichtbar wurde, bis sich endlich die einzelnen Baumgruppen und Ortschaften und zuletzt Häuser und Menschen klar und genau erkennen ließen.

Dort lagen weiße, zackige Flächen, aus denen er nicht klug werden konnte, denn sie sahen aus wie beschneit – dort breiteten sich weite grüne Ebenen, mit Thieren auf der Weide, dort standen Häuser, die in jenem wunderbaren Licht funkelten und blitzten und in rasender Schnelle zu wachsen schienen. Ehe Zacharias aber nur einen Ueberblick über das Ganze gewinnen konnte, fuhr er plötzlich bis über die Kniee in weichen Sand hinein, blieb aber nicht darin sitzen, sondern wurde wie von selber wieder herausgehoben. – Und was das für eine curiose Gegend war, in der er sich befand!

»Jetzt – wenn ich nicht auf Reisen wäre,« brummte er leise vor sich hin, »sollt' ich meiner Seel' denken, die Pappelallee führte nach Halle hinein – aber puh, wo liegt Halle!«