Es läßt sich nicht leugnen, sie war eigentlich unanständig einfach gekleidet, und trug nichts als ihre langen grünen mit Meerrosen durchflochtenen Haare, aber die klugen großen Augen funkelten wie ein paar Sterne, und der Arm, den sie ihnen entgegenstreckte, war weiß und zart wie Elfenbein. Zacharias Hasenmeier fühlte auch, daß er hier die Gesetze der Höflichkeit nicht außer Acht lassen dürfe. Er nahm also den Hut ab, und das ihm schon aus alter Gewohnheit und mit der Bewegung zusammenhängende und auf den Lippen schwebende »Armer reisender Handwerksbursch« gewaltsam hinunter schluckend, sagte er mit größter Artigkeit:
»Mein schönes Fräulein, äußerst angenehm ihre werthe Bekanntschaft zu machen.«
Die kleine Nixe sah ihn lächelnd an, was ihm Muth zu einer größeren Freiheit machte: er hob also den Arm und wollte ihr mit dem Finger unter das Kinn greifen, zog aber die Hand blitzschnell zurück, denn das kleine Hirtennixchen, dessen Augen plötzlich einen grünen Schein annahmen, schnappte danach mit den Zähnen und der Seehund knurrte und fuhr ihm auch zu gleicher Zeit nach den Beinen.
»Donnerwetter,« rief Hasenmeier zurückspringend, und hatte eben noch Zeit, seinen Stock vorzuhalten, um wenigstens von dem Hund frei zu kommen.
»Ja, die beißt,« lachte der Seegreis, »Du darfst ihr nicht zu nahe kommen.«
»Das ist aber doch hier ganz anders als bei uns,« sagte Hasenmeier bestürzt, »bei uns beißen die Mädels nicht.«
»Ländlich, sittlich,« bemerkte der Seegreis, »aber laß uns weiter gehen, siehst Du, dort fängt schon der Wald an.«
Zacharias war nicht böse darüber, denn die kleine Nixe hatte auf einmal alle Reize für ihn verloren, und er warf nur noch einen Blick auf die wunderliche Heerde von Schildkröten, die auf ihren platten Bäuchen im Seegras herumkrochen und unter Obhut der kleinen bissigen Hexe standen. Vergebens sah er sich aber nach einem Wald um, denn das, worauf sie jetzt zuschritten, glich weit eher einer überzuckerten Hecke, als was er sich bis jetzt unter einem Wald gedacht. Als er aber hinein kam, sah er doch, daß es große stämmige Korallenbäume waren, die ihre zackigen laublosen Aeste nach allen Seiten hinausstreckten, so daß man kaum seine Bahn hindurch finden konnte.
Da blieb der Alte plötzlich unter einem der Bäume halten und zankte hinauf und als Zacharias erstaunt dorthin sah, bemerkte er oben in den Zweigen ein paar kleine Jungen, die sehr verdutzt zu sein schienen und sich hinter den Aesten zu verstecken suchten.
»Nichtsnutziges Gesindel,« schimpfte aber der Seegreis, »Ihr glaubt wohl, ich seh Euch nicht? Wollt Ihr machen, daß Ihr herunter kommt, und wenn ich Euch noch einmal dabei erwische, häng ich Euch bei den Flossen auf und laß Euch eine Woche zappeln,« – und rechts und links glitten die scheuen Bengel jetzt, wie blitzende Fische, durch die Wipfel hinaus, in deren Gewirr sie bald verschwanden.