Aber so leicht ließen ihn die Kameraden nicht frei, denn selbst der Bootssteuerer, sonst ein ruhiger, gesetzter Mann, der sich bisher noch immer zu den Leuten in einer reservirten Stellung gehalten, schien die Schranken niedergebrochen und sich mit ihrer Flucht vom eigenen Schiff ausgesöhnt zu haben. Ganz ohne zu trinken kam er auch nicht frei; Bob kredenzte ihm die Flasche, und er mußte wenigstens zum Schein einen langen Zug daraus thun, dann aber rückte ihm auch ihr kleiner Dolmetsch zu Leib und erzählte ihm jetzt – ohne die gefundene Frau weiter zu erwähnen, daß seine Kameraden in das tapfere Heer der Godos eingetreten wären, ihrem Präsidenten gehuldigt hätten und jetzt bereit seien, den schurkischen Mosquera mit aus dem Land hinaus zu jagen.
Bill wollte sich nun freilich mit seinen neuen Pflichten als Familienvater – mit der braunen Frau und dem gelben Kind entschuldigen, aber das half ihm nichts. Sie waren Alle Familienväter, wie der Kleine meinte – Manche mit sechs bis acht gelben Kindern, und gerade um ihr Vaterland und ihre Familien zu vertheidigen, zögen sie in den Krieg. Und was für Aussichten hatten die Fremden dabei! Major und General konnten sie werden, oder wenn sie sich zur See auszeichneten, Kapitän und Admiral – und außerdem, wie er hinzusetzte, befanden sie sich hier in einer vom Feind bedrohten, und in Belagerungszustand erklärten Stadt, wo ihnen schon gar nichts Anderes übrig blieb, als mit der Bevölkerung die Waffen zu ergreifen, um ihr eigenes Leben sicher zu stellen.
Bill wollte ihm schon erwiedern, daß ihn die neugranadiensischen Verhältnisse eigentlich gar nichts angingen, und sie mit ihrem Boot eben so gut wieder abfahren könnten, wie sie angekommen wären, als ihm noch zum Glück die gerade erst vorgeschobene »Familie« einfiel. Jetzt war auch nichts zu machen; die eigenen Kameraden mit dem Grog im Kopf redeten ihm zu, und der kleine dicke Werbeoffizier hatte einige Minuten später die Genugthuung, ihm zehn Neu-Granadische Dollars als Handgeld in die breite Faust drücken zu können.
Damit war er zum neugranadiensischen Soldaten geworben, und die nächste Zeit mußte nun entscheiden, ob er zu den Insurgenten oder Regierungstruppen gehörte, denn das hing allein von dem Erfolg der Waffen ab.
An dem heutigen Tag war übrigens mit den frischen Soldaten nichts mehr anzufangen, denn Bob hatte sich auf eine Bank gesetzt und sang eine der endlosen amerikanischen Balladen, die eine Waffenthat aus ihren Seekriegen feierte, während Tom, dessen musikalisches Talent ebenfalls dadurch angeregt sein mochte, neben ihm Platz genommen hatte und ihn durch den Yankee Doodle in anderer Tonart und anderem Takt begleitete. Keiner störte aber dadurch den Anderen, denn sie hörten sich nur selber, und eine Anzahl südamerikanischer Soldaten sammelten sich um sie und horchte dem wunderlichen Duett mit der gespanntesten Aufmerksamkeit.
Bill versuchte jetzt mit dem Bootsteuerer ein Gespräch anzuknüpfen, aber auch das mißlang. Mr. Sikes war in jenes Stadium gelangt, wo die Menschen gerührt werden; er fiel Bill um den Hals, sagte ihm, daß er ihm keinen Groll nachtrage, weil er im Boot Streit mit ihm gehabt, versicherte ihn, daß er ein seelenguter Kerl wäre, und fing dann bitterlich an zu weinen.
Bill setzte ihn auf die Bank neben die beiden Sänger und stieg dann langsam die Treppe wieder hinunter auf die Straße, ohne daß er von irgend Jemanden daran verhindert oder nur gefragt worden wäre, wohin er wolle. Er war jetzt Einer der Ihrigen, und da man die Fremden heute noch nicht brauchte und in ihrem Zustand auch nicht gut brauchen konnte, mochte er eben hingehen, wohin er wollte; fort lief er ihnen doch nicht mehr, so viel war sicher.
Bill dachte jetzt auch in der That an nichts weniger als an Fortlaufen, aber die Trunkenheit der Kameraden widerte ihn an, und außerdem war es auch Zeit geworden, seine jetzige Wohnung wieder aufzusuchen, die er nie im Leben im Dunkeln gefunden hätte – es machte ihm Mühe genug am hellen Tag. Dabei benutzte er aber gleich die Gelegenheit, sich die »Außenwerke« ein wenig näher zu betrachten und überhaupt das Terrain kennen zu lernen; man wußte nie, wie man das einmal gebrauchen konnte.
Merkwürdig, wie das auf den Straßen aussah – der Regen hatte nachgelassen, und der Platz schien ziemlich bewegt, aber von Zehn, die ihm unterwegs begegneten, waren doch Acht sicherlich entweder Soldaten oder katholische Geistliche, und von den Letzteren traf er oft Gruppen von zehn und zwölf zusammen an, die sich auf das Lebendigste in ihrer Sprache unterhielten und nur, wenn er an ihnen vorüber ging, stehen blieben und hinter ihm drein schauten. Er bemerkte auch, daß alle Uebrigen diese frommen Herren ehrfurchtsvoll grüßten, ja selbst die Soldaten zogen, gerade nicht recht militärisch, die Mützen vor ihnen ab, während ihnen sogar die etwa auf der Straße befindlichen Frauen die Hand oder den schwarzen Rock küßten, was sich die Herren auch, als etwas Selbstverständliches, ruhig gefallen ließen. Sonderbar nur, daß sich so viele blutjunge Herren darunter befanden, die gleichwohl alle diese Huldigungen mit dem größten Bewußtsein ihrer Würde hinnahmen. Bill kümmerte sich aber wenig um sie – es fiel ihm nicht einmal ein sie zu grüßen, denn was gingen ihn, als Protestant, die katholischen Geistlichen an; er verfolgte nur ruhig seinen Weg, bis er endlich glaubte, er müsse in der Nähe von Candelaria's Hause sein. Aber die Gegend kam ihm so fremd vor; hatte er sich vielleicht verirrt? Das wäre eine verwünschte Geschichte gewesen, denn er konnte nicht einmal irgend Jemanden nach dem Weg fragen.
Wie er aber noch so dastand und unschlüssig umherblickte, sah er an der anderen Seite der Straße seine Negerin wieder, die ihm zunickte, ihm winkte und dann ohne Weiteres in die nächste enge Gasse einbog. Sie mußte ihn jedenfalls erwartet haben oder ihm vielleicht die ganze Zeit gefolgt sein, wenn er sie auch nicht bemerkt oder auf sie geachtet hatte.