»Dank Ihnen, Madame, sollen sich auch nicht in mir geirrt haben,« nickte der Matrose, »und jetzt, mein schwarzer Schatz, wollen wir unsern Weg antreten, damit ich den Kameraden sagen kann, woher der Wind weht. Der alte Bob ist ein tüchtiger Kerl und kennt auch das Land hier – vielleicht bring' ich ihn mit, daß wir das Weitere noch mit dem besprechen können« – und ohne sich länger aufzuhalten, stieg er wieder auf die Straße hinab, wohin ihm die Negerin folgte, und schritt mit dieser dann gleich darauf durch die Stadt, um jetzt vor allen Dingen seine Bootsmannschaft wieder aufzusuchen.

Fünftes Kapitel.
Eine Entdeckung.

Unterwegs sprach die Negerin kein Wort mit ihrem Begleiter, schien aber vollkommen gut zu wissen, was sie zu thun hatte, denn sie führte ihn außen an der Stadt herum, wo eine Menge von Negern und Eingebornen beschäftigt waren, theils Bäume zu fällen und damit Verschanzungen oder Verhaue zu bilden, theils Gräben aufzuwerfen, hinter deren Erdwällen sich die Vertheidiger der Stadt decken konnten. Sie frug auch dort, um keinen Verdacht zu erregen, mehrere Leute nach den Fremden – wohin man sie geführt, und schritt dann wieder durch eine enge Straße quer in die Stadt hinein. Erst als sie dort ein breites und düsteres, mit starken Balken aufgeführtes Gebäude passirten, das unähnlich den übrigen nicht auf Pfählen stand, und dessen Fensteröffnungen mit starken eisernen Gittern verwahrt waren, bog sie sich scheu und flüchtig zu ihm über und flüsterte: »das Gefängniß.« Dann schritt sie weiter, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen.

Desto aufmerksamer betrachtete sich aber Bill dafür den unheimlichen, dumpfen Bau, vor welchem vier Soldaten, mit ihren Gewehren im Arm, auf und ab schritten, und es war ihm gerade kein angenehmes Gefühl, wenn er sich dachte, daß er selber durch irgend ein unbedachtes Vorgehen gegen die nun einmal am Ruder befindliche Macht in diese Höhle hineingeworfen werden könnte. Aber was that's: der leichte Sinn des Matrosen half ihm rasch darüber hinweg, und wenn er sich die Soldaten betrachtete, denen er begegnete, mageres, ausgemergeltes, saftloses Volk, mit Knochen, die man zwischen zwei Fingern zerbrechen konnte, so zuckte ihm ein verächtliches Lächeln um die Lippen und er verfolgte um so viel trotziger seinen Weg.

Angenehm ging es freilich nicht, denn ein nichtswürdiger Schlamm lag in den Straßen, den Eingebornen jedoch nicht hinderlich, da sie mit ihren bloßen Füßen bequem hindurchlaufen konnten, während Bill unwillkürlich daran dachte, daß er sein einziges Paar Schuhe hier in sehr kurzer Zeit wohl auftragen würde. Das ließ sich aber nicht ändern; durch mußte er und begriff nur nicht, wo seine Kameraden hingekommen sein konnten, da die Negerin schon an drei, vier Plätzen vergebens nach ihnen gefragt. Da plötzlich, als er eben wieder vor einem großen Gebäude vorüber ging, an dessen Thüre ebenfalls Wachtposten standen, rief eine lachende Stimme von oben herunter: »O, Bill! Du triffst gerade zur rechten Zeit ein, komm' herauf, mein Junge, und lass' Dich mit anwerben; Handgeld haben wir schon gekriegt, und das wird ein fideles Leben.«

»Den Teufel auch,« brummte Bill zwischen den Zähnen durch, als er nach oben sah und auf einer Art von Holzgallerie Tom entdeckte, der ihm äußerst fidel mit der einen Hand zuwinkte und ihm eine Flasche zeigte, die er in der andern trug.

»La casa del gobierno,« sagte die Negerin in spanischer Sprache, indem sie auf das Haus deutete, und als ob sie ihr Amt jetzt erfüllt habe, wandte sie sich ab und schritt die Straße zurück, durch welche sie eben gekommen.

Bill wußte nicht gleich, was er thun sollte, aber allein konnte er doch nicht unten auf der Straße bleiben, und da jetzt auch noch Bob auf die Veranda kam und ihn anrief, und die Schildwachen ihn ebenfalls bedeuteten hinaufzugehen, zog er sich seinen Hosenbund etwas in die Höhe und brummte entschlossen vor sich hin: »Here goes then – fressen können sie Dich auch nicht –« und betrat das Haus, wo er bald eine schmale hölzerne Treppe fand, die in den oberen Stock hinaufführte.

Dort traf er allerdings die Kameraden, aber in einem etwas sehr munteren und aufgeregten Zustand, was vielleicht ein paar auf dem Tisch stehende geleerte Flaschen entschuldigten. Er wurde auch mit Jubel von ihnen empfangen und augenblicklich nach seiner Frau und dem »niedlichen Gelbling,« dem Kleinen, gefragt, zeigte indessen keine besondere Lust, auf den rohen Scherz einzugehen und empfand auch jenes unbehagliche Gefühl, was uns stets ergreift, wenn wir, vollkommen nüchtern, in eine etwas angetrunkene, oder wenigstens von Wein sehr erregte und bunte Gesellschaft kommen. Wir werden dann selber stumm oder müssen uns gewaltsam in die nämliche Aufregung mit hineintrinken.

Unter anderen Umständen würde Bill auch jedenfalls ohne weiteres Zögern das Letztere gethan haben, denn er verschmähte wahrlich kein Glas Grog, wo ihm das auch geboten wurde; aber eine merkwürdige Veränderung war mit ihm vorgegangen; er mußte immer und immer wieder an die junge unglückliche Frau denken, die all' ihre Hoffnung auf ihn gesetzt, und das schien ihm die Lust am Trinken vollständig verleitet zu haben.