Wie lange er so gelegen, wußte er nicht, aber mitten in der Nacht – wenigstens noch bei vollkommener Dunkelheit, wachte er durch ein ungewohntes, fremdartiges Geräusch auf, und hörte gleich darauf, als er völlig munter wurde – im Hause etwas flüstern und zischeln.

»Hm,« dachte Bill, »ich will gehangen werden, wenn nicht eben Jemand die Leiter heraufgekrochen ist, und jetzt haben wir Besuch im Haus – so viel ist sicher.«

Er horchte wieder – es war kein Zweifel, daß gerade in der Gegend der Hängematte eine sehr belebte, wenn auch fast lautlose Unterhaltung geführt wurde – nur dann und wann konnte er ein leises Zischeln unterscheiden, und zu gleicher Zeit schlich die Negerin Sarah – er kannte sie an dem vorsichtigen Husten, an den Treppenaufgang, und blieb dort stehen, als ob sie sich gegen irgend eine Ueberraschung verwahren wolle.

»O Weiber! Weiber,« brummte der Matrose vor sich hin und zog sich die Jacke fester über den Kopf – aber es ließ ihn nicht. Wieder mußte er horchen und ein recht häßliches, quälendes Gefühl zuckte ihm dabei durch's Herz. War das Eifersucht? – Aber welches Recht hatte er an die Frau? – Und wenn kein Recht, welche Pflicht dann, sich für sie zu sorgen und zu ängstigen? »Ei zum Teufel,« dachte er weiter, »wenn sie dich so an der Nase herumführt, dann kannst Du die Sache auch nur eben gehen lassen, wie sie geht, und brauchst Deinen Finger wahrlich in keinen heißen Brei hineinzustecken. Hol' sie der Henker.« Und damit legte er sich auf die Seite und wollte wieder einschlafen, aber es ging nicht. War der rauhe Boden zu hart? Du lieber Gott, er hatte schon manchmal viel härter und schlechter gelegen – oder störte ihn das Flüstern? Es war so leise, daß er es kaum unterscheiden konnte und dazu aufhorchen mußte. Am Liebsten wäre er ohne Weiteres aufgestanden und fortgegangen, aber es goß draußen wieder in Strömen, und wohin sollte er in dem fremden Ort, in stockdunkler Nacht und in dem Regen und Schlamm? Unwillkürlich seufzte er tief auf – und dann war plötzlich Alles still und ruhig, und wenn er auch eine Weile lang horchte, konnte er keinen Laut mehr vernehmen.

Darüber mußte er zuletzt wieder eingeschlafen sein, denn tolle, wunderliche Traumbilder kreuzten sein Hirn, und als er die Augen endlich öffnete, schien die Sonne hell und warm durch die halb offenen Seitenwände des kleinen luftigen Hauses.

Sechstes Kapitel.
Pläne und Gegenpläne.

Bill fuhr wirklich etwas überrascht in die Höh', denn seine Träume hatten ihn wieder weit hinaus in See, an Bord der alten Martha's-vine-yard geführt, und im ersten Moment wußte er nicht gleich, wo er sich befand, wie uns ja das häufig nach festem Schlaf so geht. Uebrigens sah er auch in der That eine Menge Menschen um sich her, die hier gar nicht hergehörten, und war noch viel zu wenig mit den südamerikanischen Sitten bekannt, um das trotzdem natürlich zu finden.

Es war allerdings lichter Tag, aber doch noch sehr früh am Morgen, das schien jedoch verschiedene Herren und Damen aus der Nachbarschaft nicht verhindert zu haben, ihren Besuch zu machen, nur um zu hören – natürlich –, wie es dem neuvereinigten Paar ginge, und dann auch wo möglich etwas über die näheren Verhältnisse zu erfahren, denn mit der Negerin Sarah, der das kleine Haus gehörte, war nichts anzufangen, die erzählte fast nie, und nur das hatte sie ihnen bis jetzt gesagt, daß die junge Frau bis dahin in Tumaco gewohnt habe und von dort, nach der Flucht ihres Mannes, hierher gekommen sei.

Candelaria war schon auf und angezogen und wirthschaftete mit Sarah an dem kleinen Herd, um das Frühstück zu bereiten, während zwei von den Nachbarinnen mitten in dem Zimmer kauerten und eigentlich die Unterhaltung allein führten. Außerdem waren aber auch noch – ebenfalls aus Neugierde, ein paar junge Bursche mit heraufgestiegen, die an den Wänden herumlehnten. Der Eine von diesen rauchte auch seine Papier-Cigarre, während sich der Andere angelegentlich mit einem großen Stück Zuckerrohr beschäftigte, von dem er Streifen mit seinem Messer abhackte, dann in den Mund steckte und aussog und das ausgekaute Rohr ziemlich ungenirt mitten in die Stube warf.

Als sich Bill aufrichtete und erstaunt den Blick in dem belebten Raum umherwarf, nickten sie ihm auch freundlich zu, ohne aber ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, denn sie wußten ja doch, daß er sie nicht verstand – oder hatte er sich gestern nur verstellt? Die Damen nahmen übrigens nicht die geringste Notiz von ihm und schienen ihn eher mit Verachtung zu strafen. Pfui über einen Mann, der seiner Frau davon lief und erst mit Gewalt wieder eingefangen werden mußte; er sollte wenigstens fühlen, wie verächtlich er sich gemacht hatte.