»Ja, den schwersten, den es giebt – nun bis ich mich nicht überzeugt habe, will ich Nichts sagen, ist aber, was ich befürchte, wirklich der Fall, so müssen Sie dem entsagen oder Sie sind – ein verlorener Mann.«
»Aber Spirituosen sollten doch gerade –«
»Nachmittag komme ich wieder her,« brach der Doktor kurz ab, »und noch Eins – sprechen Sie mit keinem Menschen darüber. Ich möchte nicht gern, daß Sie das Gerede der Stadt würden und Ihr Fall nachher mit vollem Namen und Titel als Trichinenkranker durch alle Zeitungen liefe. Die Presse spannt jetzt so auf solche eklatante Beispiele, und Sie wären außerdem noch der Gefahr ausgesetzt, daß Aerzte von allen Seiten Deutschlands herbei kämen und Sie um ein Stück Fleisch bäten, um ihre Untersuchungen daran zu machen.«
»Na, weiter fehlte mir gar Nichts,« stöhnte der Arme, »diese verfluchten Harpunen, ich habe an dem einen Mal genug.«
»Ja, aber Sie könnten es nachher im Interesse der Wissenschaft doch nicht gut verweigern, denn man würde es für Feigheit auslegen.«
»Aber, ich soll mich doch wahrhaftig nicht von der ganzen Welt harpuniren lassen?«
»Gerade deßhalb rathe ich Ihnen mit Niemanden über Ihren Zustand zu sprechen,« sagte der Arzt, »und nun leben Sie wohl, lieber Regierungsrath – gleich nach Tisch komme ich wieder zu Ihnen und haben Sie nur Vertrauen zu mir; ich kurire Sie, darauf können Sie sich verlassen.«
»Leben Sie wohl,« hatte der entsetzliche Doktor gesagt, während er mit einem Stück Menschenfleisch in der Tasche von dem unglücklichen in Verzweiflung zurückbleibenden Patienten Abschied nahm.
»Trichinen!« Ja wohl, das war es auch; daß er nur selber noch nicht auf diesen furchtbaren, aber so nahe liegenden Gedanken gefallen sein sollte; fühlte er doch die gräßlichen Geschöpfe in all' seinen Gliedern. Und daher also die ewige Beängstigung, dieses Prickeln in allen Theilen seines Körpers. Das war die unheimliche Thätigkeit jener Myriaden von Geschöpfen, die sich durch seine Muskeln bohrten und darin Quartier nahmen? Und er, ein geheimer Regierungsrath, jetzt hatte er geheime Trichinen – sogar wirklich geheime, denn er durfte es noch nicht einmal Jemanden sagen, durfte sein Leid, seinen Jammer nicht in die Welt hinausschreien, wenn er nicht fürchten wollte, daß sie von allen Seiten blutgierig mit ihren Harpunen herbeiströmten und ihn um eine »Portion« bäten.
Er verbrachte ein paar entsetzliche Stunden, und nicht einmal der Wein, den ihm der Doktor heute noch erlaubt, oder den er vielmehr nur geduldet hatte, wollte ihm schmecken – Fleisch konnte er gar nicht sehen, denn es erinnerte ihn nur noch mehr an sein Elend, und er ließ sich in aller Verzweiflung ein paar Pfund Karpfen absieden, um nicht auch noch bei lebendigem Leibe zu verhungern.