»So thu' es denn auf Deine eigene Gefahr, Du hartnäckiger weißer Mann!« rief jetzt Tomson, wandte sich, und stieg raschen Schrittes die Uferbank hinauf – der Raum war nun frei, die beiden anderen Häuptlinge zogen sich ebenfalls langsam zurück, und unter dem jubelnden Ahoy der Leute, die zuerst, wie zum Hohn, dem »wackeren Magistrat von Redtown« drei schallende Hurrahs brachten, wurden die rothbestrichenen Fässer rasch, den übrigen nach, die Bank hinaufgerollt, und Capitain Burkner selbst ging mit hinauf, um sie dem dort ruhig bei seinem Karren haltenden Dodge zu übergeben.
Hier aber fand er sehr ungehofften Widerstand. Dodge nämlich, mit den Sitten und Gebräuchen der Indianer, unter denen er aufgezogen worden, auf das genaueste bekannt, sah bald, daß irgend etwas im Werke sei, und die Häuptlinge sich keineswegs auf solche Art, mitten unter den Ihren würden Trotz bieten lassen. Capitain Burkner war auch wirklich nur durch seine, bis jetzt oft ungestraft hingegangenen Umgehungen der Gesetze so kühn geworden, und glaubte jetzt um so kecker auftreten zu können, da es ja überhaupt das letzte Mal war, daß er diesen Handelsplatz zu berühren gedachte.
»Danke, Capitain,« sagte Dodge in seinem gebrochenen Dialect, als ihm Burkner die Facturen übergeben wollte und das Geld für den Betrag verlangte, – denn der Handel mit den Indianern, die unter keiner Bedingung selbst nicht die besten Banknoten nehmen, und das Gold ebenfalls nicht kannten, wurde einzig und allein in Silber geführt; »danke – kann Whiskey nicht übernehmen – Tcha-to-ga Ne sehon tie rehu und sein Arm ist lang – ich kaufe Whiskey by'm by[9] – von Fort Gibson – von Fox – aber nicht hier – – by'm by!«
[9]: By and by – nächstens, mit der Zeit, gelegentlich, ein Wort, das sich die halbcivilisirten Indianer aus der englischen Sprache sehr angeeignet haben, und das sie gern gebrauchen.
»By'm by? – Du rother Hallunke,« rief aber jetzt Burkner, durch den spöttischen Trotz in des Burschen Zügen nur noch mehr gereizt – »by'm by? – Du mußt den Whiskey nehmen, denn« –
Er hielt plötzlich inne – ein wirres Toben und Lärmen drang aus der nächsten, der innern Stadt zuführenden Straße heraus, und fast in demselben Augenblick schwärmte von Tcha-to-ga und Ko-ha-tunk angeführt, eine ganze Schaar halbnackter Indianer hervor, denen sich jedoch ein ernsterer Haufe von Männern, auch Eingeborene, aber wie Farmer, in die Tracht der Hinterwäldler gekleidet – anschlossen. Capitain Burkner wollte jetzt rasch an Bord zurück, weil er in der That, und im ersten Moment fürchtete, daß die Schaar einen Angriff auf sein Boot beabsichtige. Bald fand er freilich, daß er in der Hinsicht wohl Nichts zu fürchten habe, sollte aber doch Zeuge sein, wie die Indianer wenigstens soviel Muth und Einigkeit noch bewahrt hätten, da Volksjustiz zu üben, wo es ihre eigenen Gesetze und Rechte galt. Mit Beilen, Tomahawken und Keulen fielen sie nämlich über die ihnen aufgedrungenen Fässer her, und so gut gemeint und wohl angebracht waren die Schläge, daß die gelbe spirituöse Fluth bald in förmlichen Bächen aus ihren Häusern quoll und, eine der durch den Regen ausgewaschenen Rinnen zum Bett wählend, dem Flusse zusprudelte.
Hier aber geschah etwas, das Tomson schon lange vorausgesehen und gefürchtet hatte; das wirklich wilde Volk von Redtown, so gern es sich auch hatte dazu brauchen lassen, Eigenthum der Weißen, und zwar nur der guten Sache wegen, zu vernichten, sah kaum die Fluth, von der sie sich jeden einzelnen Becher voll nur mit so vieler Mühe und gegen so schweres Geld verschaffen konnten, einem Sturzbach gleich die Uferbank hinabtosen, als auch ein ganz anderer Geist in sie fuhr, wie der der Müßigkeit. Eine Squaw machte den Anfang, sie sprang rasch den Hügel hinab, und fing mit einer Kalebasse, die sie wahrscheinlich zufällig bei sich trug, die »liebe Gottesgabe« auf und kaum hatte sich dem Schwarm die Möglichkeit eines solchen Beginnens gezeigt, als zwanzig oder dreißig mit allem, was ihnen gerade unter die Hände fiel, und was sich nur irgend dazu eignete, eine Flüssigkeit, sei es auch blos auf wenige Secunden zu bewahren, hinabstürmte und auffangen und trinken wollte.
Es gab hiergegen nur ein Mittel, und das hatte der umsichtige Tomson vorher bedacht und vorbereitet. Es galt hier nämlich nicht allein sich vor schwerer Verantwortung zu schützen, wenn das Gesindel vielleicht den Whiskey auffing und der Dampfboot-Capitain dann später eine Klage bei dem Gerichte der Weißen anhängig machte, daß man seinen Whiskey, als verbotenes Getränk, nicht etwa blos vernichtet, sondern geplündert habe; nein, es galt auch der Gefahr zu begegnen, daß die, schon überdieß aufgeregten Gemüther, durch unmäßigen Genuß des süßen Giftes vollständig gereizt und zu Handlungen getrieben würden, die zwischen weißen und rothen Männern doch nur zu bösem Blutvergießen führen konnten. Es gab aber, wie schon gesagt, ein Mittel, das zu verhüten, und der plötzliche und vollständige Erfolg, den dieses hatte, gab zu den komischsten und groteskesten Scenen Veranlassung.
Tomson sah nämlich kaum, daß die Seinen dem also preisgegebenen Whiskey mit jubelndem Freudenschrei zustürmten – und kein Gott hätte sie, das wußte er recht gut, jetzt mehr davon zurückhalten können, als er sich rasch zu dem einen, gerade frisch ausquellenden Fasse niederbog; und die Wirkung, die sich gleich darauf herausstellte, war in der That fabelhaft. Irgend eine Veränderung des Whiskeystromes war nicht zu erkennen, die Sonne schien so freundlich und still darauf hernieder, und die schießende Fluth funkelte und blitzte in ihrem Glanz wie vorher, aber mit wildem Aufschrei fuhren plötzlich alle die, die sich eben noch so gierig darüber hergeworfen, zurück, die Gefäße, die sie in Händen hielten, schleuderten sie weit von sich, zwischen Andere hinein, daß diese wieder ihrerseits blitzesschnell auseinander stoben; die Kleider rissen sie sich ab und sprangen wie besessen umher, und zwanzig oder dreißig wohl, ohne recht zu begreifen, was mit ihnen vorgegangen und nur dem Schmerz gehorchend, der sie trieb, warfen sich ohne weiteres in den Strom, tauchten unter, und kamen nachher mit furchtsam entsetzten Gesichtern wieder zum Vorschein.
Und was war denn die Ursache? – der Whiskey brannte und die lichtblaue, im Sonnenstrahl vollkommen unsichtbare Flamme, die sich aber gleichwohl mit elektrischer Schnelle dem ganzen Spiritus mitgetheilt und Alles erfaßt hatte, was mit diesem in Berührung gekommen, wurde natürlich von der erschreckten Schaar nicht eher entdeckt, als sie die Haut brannte und die Kleider erfaßte.