Die Haidschnucke, Capitain E. Siebelt, mit vorzüglicher Gelegenheit für Cajüts- und Zwischendecks-Passagiere — wird am 30. August expedirt.
Agent dafür, I. G. Weigel,
Hauptagent des Central-Bureau's für Norddeutsche Auswanderung in Heilingen, am Markt Nr. 17.«
Diese Anzeige stand am Morgen nach den, im letzten Capitel beschriebenen Vorfällen im Heilinger Tageblatt, und Dr. Haide, der Redacteur desselben, hatte die Gelegenheit nicht unbenutzt wollen vorübergehen lassen, einige entsetzliche Mordgeschichten und falsche Bankerotte aus den Vereinigten Staaten, [pg 213]wie zur Entmuthigung aller Auswanderungslustigen, in der nämlichen Nummer seines Blattes abzudrucken.
Weigel war wüthend darüber, und schrieb augenblicklich einen anderen Artikel dagegen; den nahm Doctor Haide aber nicht auf, weil er, wie er ganz naiv erklärte, »sich dadurch selber blamiren würde.« Uebrigens sei die Sache auch schon erledigt, indem die Schiffsanzeige für, sein Artikel aber gegen Amerika und die Auswanderung wäre, und er es sich zum Grundsatz gemacht hätte, jeden Artikel nach beiden Seiten hin zu beleuchten — wenn Herr Weigel etwas gegen ihn wolle einrücken lassen, sei er keineswegs verpflichtet es aufzunehmen, und er möge ihn deshalb, wenn er damit durchzukommen glaube, nur ganz einfach darauf verklagen.
Die Abfahrt dieses Schiffes war aber für Heilingen in so fern von nicht unbedeutender Wichtigkeit, als sich mehre Familien dieser Stadt ernstlich dahin entschlossen hatten, mit demselben nach Amerika auszuwandern. So unter Anderen Professor Lobenstein, der sein Haus jetzt verkauft, und der Stadt überhaupt durch seine beabsichtigte Auswanderung höchst willkommenen Stoff zu den mannichfaltigsten Vermuthungen und Erörterungen geliefert hatte. Ja mehrere Kaffeegesellschaften der näheren Bekannten Lobenstein's waren wirklich nur einzig und allein zu dem Zweck gegeben worden, sich einmal ordentlich über die Sache »aussprechen« zu können.
Auch in dem Dollinger'schen Haus hatten die letzten Wochen bedeutende Veränderungen hervorgebracht, indem der junge Henkel Briefe von Amerika erhielt, nach denen seine An[pg 214]wesenheit dort, dringend nothwendig geworden. Zwei Wechsel trafen zugleich für ihn ein, wie ziemlich starke Aufträge zu Ankäufen in Tuchen und Seidenwaaren von seinem Haus, welches Geschäft er mit Herrn Dollinger in Gemeinschaft auszuführen gedachte.
Der alte Herr Dollinger, so schwer es ihm auch wurde, und so lange er sich dagegen gesträubt, mußte da wohl endlich seine Einwilligung zu der Verbindung Clara's mit dem jungen Amerikanischen Kaufmann, über dessen Familie und Geschäft in New-Orleans er von einem dortigen Geschäftsfreund das Beste erfahren hatte, geben. Nur wunderte man sich dort, daß der junge Henkel in Nord-Deutschland sei, während man ihn auf einer größern Tour durch Italien und Griechenland vermuthet. Die Leute dort konnten nicht wissen daß der junge Mann auf dem Rhein andere Pläne für seine Zukunft geschaffen, als er sie früher vielleicht ausgesonnen.
Am letzten Sonntag war also, ganz in der Stille, die Trauung vollzogen und Clara, das liebe holde Mädchen, die Frau des jungen reichen Amerikaners — wie man ihn überall in der Stadt nannte, geworden. Jetzt galt es nun freilich noch, in der kurzen Zeit all die nöthigen und so mannichfachen Vorbereitungen zu einer Reise nach Amerika für die junge Frau zu treffen. Es sollte aber wirklich auch nicht viel mehr als eine Reise werden, denn Henkel hatte sich schon selber fest erklärt, seinen künftigen Wohnsitz keineswegs in Amerika, sondern in Havre nehmen zu wollen, wo überdies, der bedeutenden Geschäftsverbindung wegen mit diesem Hafen, ein Associé [pg 215]des Hauses sich aufhalten mußte. Ein oder zwei Monate gedachten die jungen Eheleute dann jedes Jahr in dem reizend gelegenen Heilingen zuzubringen, was ihnen, wie den Eltern, die jetzige Trennung sehr erleichterte, und spätestens im März oder April schon wieder nach Europa zurückkehren zu können. Die ganze Reise war dadurch wirklich fast nur zu einer etwas längeren Vergnügungsfahrt geworden.
Auch für Clara's Mutter war das Bewußtsein, ihr Kind nicht für immer zu verlieren und bald wieder in die Arme schließen zu können, eine unendliche Beruhigung, und selbst hierzu hatte es ihr einen großen Kampf gekostet, ihre Einwilligung zu geben. Clara selbst aber hing mit ganzem Herzen an dem theuren Mann, und fühlte sich vollkommen glücklich in einer Verbindung, die seit sie den Fremden kennen und lieben gelernt, ihr das Ziel ihrer irdischen Wünsche geschienen.