Was war ihr die Reise, was die Gefahr und Mühseligkeit derselben? sie wäre ihm in eine Wildniß gefolgt, und hätte sich doch glücklich an seiner Seite gefühlt.

Der junge Henkel wünschte nun die Ueberfahrt in einem Englischen Dampfer nach New-York, und von da mit einem Amerikanischen Dampfschiff nach New-Orleans zu bewerkstelligen, Clara fürchtete sich aber an Bord eines Dampfers zu gehn, theils der doppelten Gefahr, theils der unangenehmen Bewegung derselben in schwerem Wetter wegen, von der sie viel gehört, und da es sich jetzt gerade so traf daß eine ihr befreundete Familie, Professor Lobenstein's, ebenfalls nach New-Orleans, und in einem Segelschiff von Bremen ab auswan[pg 216]derte, bat sie mit diesen reisen zu dürfen. Henkel selber schien nicht recht damit einverstanden, fügte sich aber doch endlich den Bitten seiner jungen Frau.

Wenn aber bei Dollinger's im Haus wenig mehr als Wäsche und Kleider herzurichten waren, nur zu einer Reise nicht zu einer Uebersiedlung nach Amerika, und man diese schon großenteils gepackt und vorausgeschickt hatte, die letzten Stunden in der Heimath durch kein Aussuchen und Packen gestört zu haben, so schien dagegen bei Professor Lobenstein das ganze Haus von innen nach außen gekehrt zu sein.

Der Professor nämlich hatte auf keinerlei Weise bewogen werden können mit seinen Sachen eine Auction anzustellen, und nur das Nothwendigste mitzunehmen, da Fracht und Spesen unterwegs ein wirkliches Capital auffressen würden, für das er sich Alles was er dort brauchte auch an Ort und Stelle neu anschaffen könnte. Allen die ihm dies riethen zeigte er aus verschiedenen Schriften die statistisch aufgestellten Arbeitslöhne der verschiedenen Handwerker, wie die Preise der Provisionen, und bewieß ihnen auf das Klarste und Unumstößlichste was jedes einzelne Stück Meublen und Hausgeräth in notwendiger Folgerung in Amerika kosten müsse. Eben so hatte er sich mit unendlicher Ausdauer einen Ueberschlag der verschiedenen Frachtpreise nach New-Orleans, und von da in's Innere gemacht, bis er endlich zu dem obigen Resultat gekommen, und nun auch augenblicklich eine Anzahl Tischler in Arbeit setzte, lauter neue Kisten für seine Sachen anzufertigen.

[pg 217]Eine große Anzahl von diesen war nun schon, gepackt und mit eisernen Reifen beschlagen, als Fracht vorausgeschickt, eine andere Sendung sollte heute abgehn, und die letzten dann in den nächsten Tagen befördert werden, noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu sein. Kellmann selbst, dem Hause eng befreundet, hatte dahin mehrere Aufträge übernommen, und kam heute Morgen, Bericht über die Ausführung derselben abzustatten.

Er selber war natürlich mit der ganzen Uebersiedlung gar nicht einverstanden, hatte aber doch, als er alle Gründe des Professors dafür gehört, weit weniger dagegen gesagt, als die Familie im Anfang vermuthet und auch wohl gefürchtet haben mochte. Der Professor sei eben ein Professor, meinte er nur, und wo der einmal seinen Kopf aufgesetzt habe, ließ sich auch Nichts mehr abstreiten oder gar dagegen beweisen, man müsse ihn eben sich selber überlassen, und — es thue ihm nur um die Familie leid. Nichtsdestoweniger gab er sich jede erdenkliche Mühe ihnen, wo er es nur irgend vermochte, beizustehn, wobei er den Professor doch von manchem unüberlegten oder unpraktischen Schritt zurückhielt. So kämpfte er, und zwar glücklicher Weise mit Erfolg, gegen die unglückselige Idee des Professors an, sich hier, trotz Allem was er darüber schon gelesen, von dem Auswanderungsagenten Land und eine Farm zu kaufen. Er wollte drüben nicht »in Gefahr kommen« von Amerikanischen und betrügerischen Landspeculanten hintergangen zu werden, und seine Berechnung sämmtlicher Kosten gleich [pg 218]hier an Ort und Stelle machen können, was ihm nicht möglich sei, wenn er die Contracte nicht in der Tasche habe.

Kellmann, auf dessen praktisches und gesundes Urtheil er sonst überhaupt viel gab, machte ihn mit seinen ernstlichen Vorstellungen aber doch stutzig, und noch eine authentische Person über die dortigen Verhältnis zu hören, wandte er sich zuletzt an den jungen Henkel, und bat diesen um Meinung und Rath über die, ihm allerdings sehr am Herzen liegende Sache. Dieser rieth ihm aber ebenfalls auf das Entschiedenste ab, sein Geld hier an eine solche Speculation wegzuwerfen, denn dieser Weigel scheine ihm, was er bis jetzt von ihm gesehn, eine keineswegs volles Vertrauen verdienende Persönlichkeit. Er solle warten bis sie drüben wären, dort habe er Zeit genug (Kellmann hatte ihm dasselbe gesagt), und finde er in New-Orleans oder Missouri nichts Besseres, so sei er selber vielleicht im Stande ihm ein kleines reizendes Gut abzutreten, das er einmal auf einem Jagdzug in's innere Land gekauft, und jetzt noch verpachtet hätte.

»Und der Preis?«

»Er würde zufrieden sein.« Damit war die Sache für jetzt abgemacht; freilich zu Weigels Verdruß, der die Farm, wie er sich ausdrückte, nun noch »zur Verfügung« behielt.

Es mochte etwa Morgens um elf sein, als Kellmann Professor Lobensteins besuchte. Das Haus war am vorigen Tag öffentlich verauctionirt und von einem reichen Weinhändler in Heilingen erstanden worden, die Familie aber jetzt in angestrengter Arbeit eifrig bemüht das unangenehme Gefühl [pg 219]nicht allein zu verscheuchen, sondern auch eines vor dem anderen zu verbergen, »zum ersten Male in der eigenen Heimath fremd zu sein;« zum ersten Mal fremd in den Räumen, die ihrer Kindheit Spiele gesehn, und Zeuge gewesen waren ihrer keimenden Hoffnungen und Träume.