»Ist doch ein prachtvolles Wetter heute,« sagte Kellmann, der eben einen tüchtigen Zug aus seinem Glase gethan, und nun mit vollem zufriedenen Blick über das freundliche Bild hinaus schaute, das sich, von der warmen Nachmittagssonne beschienen, in all seinem blitzenden Glanz und Farbenschimmer vor ihnen aufrollte »und es wächst und gedeiht Alles draußen so schön und steht so prächtig — merkwürdig dabei, daß Alles so theuer bleibt, und die Preise, statt herunter zu gehen, immer nur steigen und steigen.«

[pg 023]»Ja das weiß Gott,« seufzte der Aktuar, dem der Gedanke selbst den Geschmack am Bier wieder zu verderben schien, denn er setzte das schon zum Mund gehobene Glas unberührt vor sich nieder — »und wenn das noch eine Weile so fort geht, können wir alle mit einander verhungern oder davonlaufen.«

»Nun Ihr habt gut reden,« sagte Kellmann, »Ihr bekommt vom Staat Euer Gewisses und könnt Euch genau danach einrichten — Euer Geld muß Euch werden, wenn der erste jedes Monats kommt, unsereins hängt aber allein von den Zeiten ab, und wenn die Lebensmittel knapp werden, kauft Niemand einen Pelz. Holz will auch sein und daran kann sich nachher die ganze Familie wärmen.«

»Ihr redet wie Ihr's versteht,« brummte der Aktuar, — »unser Gewisses bekommen wir, das ist wahr, aber nur deshalb, damit wir gewisses Elend vor den Augen haben. Ich habe fünfhundert Thaler Gehalt, und Frau und Kind und Dienstmädchen zu ernähren, und soll anständig dabei gekleidet gehn, denn vor zehn und zwanzig Jahren hatte ein Aktuar in meiner Stellung auch nicht mehr, und machte das Alles möglich, ja befand sich wohl dabei. Jetzt aber wird Brod, Butter, Fleisch, Holz, Wohnung, kurz Alles was wir nun einmal zum Leben brauchen, gesteigert von Tag zu Tag, aber meine fünfhundert Thaler bleiben; vor zehn Jahren kaufte ich zwanzig Pfund Brod für dasselbe Geld, für das ich jetzt nicht zehn bekomme — aber meine fünfhundert Thaler bleiben. Auch mein Hausherr verlangt höheren Zins — schon voriges[pg 024] Jahr bin ich höher gegangen, um nicht gesteigert zu werden, d. h. für denselben Preis aus der zweiten in die dritte Etage gezogen, aber dies Jahr muß ich ganz hinaus, denn er will wieder zehn Thaler mehr haben und ich kann's ihm nicht geben. Ihr Leute habt Euch gut in die Zeiten schicken, denn wenn das Brod theuer wird, schlagt Ihr desto mehr auf Euere Waare, der kleine Beamte aber, der Staatsdiener um geringen Lohn, das ist das geplagte, gefährdete Geschöpf, und jede neue Taxe macht ihm keine neue Berechnung, sondern schnallt ihm nur den Leibriemen um ein Loch enger, daß er weniger ißt, bis er in's letzte Loch geworfen wird, zum ersten Mal von seinen irdischen Strapatzen, ohne Furcht vor rasch abgelaufenen Ferien, wirklich ungestört auszuruhen.«

»Ach geht mit Eueren erbärmlichen Lamentationen an solch freundlichem Tag,« fiel ihm der Wirth hier in die Rede, der sich erst vor ein paar Augenblicken wieder mit zum Tisch gesetzt und schon eine ganze Weile ungeduldig mit dem Kopf geschüttelt hatte. »Das Reden macht's nicht besser und Stöhnen und Seufzen hilft auch Nichts — Kopf oben, das ist die Hauptsache; das andere macht sich von selber — aber hallo« — unterbrach er sich plötzlich, von seinem Sitze aufstehend und die Straße hinunterzeigend, die in das weite Thal führte — »was kommt dort für ein Trupp den Weg entlang?« — und in der That wurde dort oben ein ganzer Zug Männer, Frauen und Kinder mit kleinen Handkarren und ein paar einspännigen Wägelchen sichtbar.

»Das sind Auswanderer!« rief Jacob Kellmann, von [pg 025]seinem Stuhl aufspringend und dem Zug entgegenschauend — »seht nur ein Mensch an, wieder ein ganzer Schwarm aus dem Hessischen; Heiland der Welt, da muß doch endlich einmal Platz werden.«

»Na nu ist wieder der Frieden beim Henker,« rief aber der Apotheker mürrisch — »hier Lobsich setzt Euch auf Eueren Stuhl und trinkt Euer Bier aus, und Ihr Kellmann, laßt das Volk da draußen laufen, wohin sie wollen — unzufriedene Bande, die es ist und die es nirgends gut genug kriegen kann, wo ihr nicht das Confekt auf goldenen Tellern präsentirt wird. Na kommt nur hinüber, wenn Euch hier der Hafer zu sehr sticht — Euch werden sie schon noch das Fell über die Ohren ziehn, daß Ihr am hellen lichten Tag die Sterne zu sehn bekommt.«

»Nein was für ein Zug!« rief aber Kellmann, die langsam näher kommende Schaar mit unverkennbarem Interesse betrachtend; »die armen Teufel.«

»Hört Kellmann,« rief aber Schollfeld ärgerlich, »tretet mir da ein wenig aus dem Weg, daß ich auch was sehen kann, und setzt Euch wieder, ich dächte doch wahrhaftig, Auswanderer hier an der Straße wären nichts so besonders Neues, daß Ihr Maul und Nase aufsperrt und thut, als ob Euch so etwas noch nicht im ganzen Leben vorgekommen wäre.«

Schollfeld war übrigens nicht umsonst so mürrisch; er hatte einen Zorn auf Auswanderer, denn er betrachtete Auswanderung als eine indirekte Beleidigung gegen den Staat, gewissermaßen als eine Grobheit, die man ihm geradezu unter [pg 026]die Nase sage — : »ich mag nicht mehr in Dir leben und weiß einen Platz, wo's besser ist.« Das dachten sich nämlich die »Tölpel«, wie er sie nannte, aber Sie wußten es nicht — gar Nichts wußten sie und liefen blind und toll in die Welt hinein. Der Staat hätte auch eigentlich den Skandal gar nicht dulden sollen; hunderte von Menschen, reine Deserteure aus ihrem Vaterland, liefen da frank und frei vorbei, Anderen noch obendrein ein böses Beispiel gebend, und er begriff die Regierung nicht, wie sie dem Volke nur noch einen Paß gestatten konnte.