Der Zug war indessen näher gekommen und Lobsich rasch in das Haus gegangen Bier herbeizuschaffen, da sich bei solchen Trupps gewöhnlich eine Menge junge Burschen befanden, die noch Geld im Beutel und immer frischen Durst hatten; um so mehr, da das Bergesteigen heute wirklich warm und den Hals trocken machte.

Die ersten Wägen passirten still vorbei; die Führer warfen einen langen, vielleicht sehnsüchtigen Blick nach den behaglich hinter ihren Tischen sitzenden Gästen und dem kühlen funkelnden Bier hinüber, aber hielten nicht an, sich längere Rast dafür auf den Abend versprechend. Nur von den Fußgängern blieben mehre Trupps unfern der Linde, unter der unsere kleine Gesellschaft saß, und nicht weit von der Gartenthüre stehn, und während ein paar der Männer dem Kellner winkten, ihnen Bier herauszubringen, als ob sie sich scheuten in ihrer bestaubten schmuzigen Kleidung, mit der schweißbedeckten Stirn, zwischen die geputzten und jetzt nach ihnen [pg 027]herübersehenden Gruppen hineinzugehn, hielt ein Trupp Frauen ebenfalls dort. Angezogen von der plötzlichen weiten und freien Aussicht, die ihnen hier nach unten zu das Thal öffnete, durch das sie gekommen, blieben sie erfreut und überrascht stehn und schauten dabei auf das reizende Bild hin, das wie mit einem Schlage so vor ihnen in's Leben sprang.

»Heiland der Welt, Lisbeth,« rief ein junges, sechzehnjähriges Mädchen der, vielleicht zwei Jahr älteren Schwester zu — »dort drüben liegt Holstetten, und von da ist's nur noch neun Stunden zu Haus — dahinter kann ich den weißen Weg durch's schwarze Nadelholz sehn, der hinüberführt nach Krisheim.«

»Ja Marie,« antwortete das Mädchen, und während sie sprach, liefen ihr die großen hellen Zähren an den bleichen Wangen nieder, »gleich hinter dem Berg dort muß die Windmühle liegen, und dann kommt Bachstetten und nachher« — sie konnte nicht mehr sprechen, das Herz war ihr zu voll und sie mochte doch nicht das der Schwester, wenn diese ihren Schmerz sah, noch schwerer machen. Aber zurückdämmen ließ sich das auch nicht, die Wunde war noch zu frisch und blutete zu stark, und beide Mädchen standen wenige Minuten still und weinend da, die schönen thränenüberströmten Züge den ihr nächsten Menschen ab- und der verlassenen Heimath, die sie wohl nie im Leben wieder schauen sollten, zugekehrt.

»Ob auch wohl Martha der Mutter Grab ordentlich hält und pflegt, wie sie es versprochen,« brach die Jüngste endlich wieder mit leiser kaum hörbarer Stimme das Schweigen.

[pg 028]»Sie hat's ja versprochen,« flüsterte fast eben so leise die Schwester zurück, »aber — — — — so lieb wird sie's doch nicht haben wie wir.«

»Komm Lisbeth,« sagte die Jüngere wieder und ergriff, ohne sie aber dabei anzusehn, der Schwester Hand — »wir wollen gehn — die Wagen sind schon ein Stück voraus.«

Beide Mädchen nickten leise und kaum bemerkbar der verlassenen Heimath zu und schritten dann schweigend Hand in Hand den Weg entlang, der nach und durch Heilingen führte, ihre weite, unbekannte Bahn.

»He Marie, Lisbeth!« rief sie der Vater an, der eben an der Thür des Gartens ein Glas Bier von einem der Kellner erhalten hatte — »wollt Ihr einmal trinken Kinder?«