»Vielleicht bietet sich da für die Schwester in demselben Haus ein Ausweg,« rief Anna plötzlich, »das für den Bruder ja so viel gut zu machen, wenn er wirklich unschuldig gelitten. Gestern Nachmittag noch klagte mir Clara ihr Leid, daß ihre Kammerjungfer, mit der sie sehr zufrieden ist, und die ihr bis dahin fest versprochen mitzugehn, plötzlich anderes Sinnes geworden wäre, und sich jetzt weigerte Heilingen zu verlassen. Clara ist so seelensgut, sie würde gewiß Alles thun was nur in ihren Kräften steht, das arme Kind den herben Verlust vergessen zu machen.
»Aber wird sich das Mädchen selber dazu eignen?« sagte Kellmann.
»Weshalb nicht,« rief aber auch jetzt Marie — »bringen Sie die Arme nur hierher, sobald Sie sie finden, und nehmen sie Henkel's nicht mit, findet Papa gewiß einen Ausweg.«
[pg 228]»Ja, Papa einen Ausweg,« sagte aber der Professor — »ich kann Niemanden mehr mitnehmen Kinder, so viel solltet Ihr eigentlich jetzt schon wissen, denn wir sind Leute genug.«
»Ach wenn sie überhaupt gehen will,« rief Kellmann, »die Passage bringen wir hier schon zusammen, und wenn sich Fräulein Anna bei Frau Henkel für sie verwenden will, wär' es ein Glück für das arme Mädchen, den hiesigen für sie so trüben Verhältnissen so rasch wieder entrissen zu werden. Doch jetzt leben Sie wohl — ich habe da nicht lange Zeit mehr zu verlieren, und hoffe Ihnen bald günstige Nachrichten bringen zu können.«
* * * * *
Actuar Ledermann hatte die Nacht einen heftigen Fieberanfall bekommen, und sich am anderen Morgen auf seinem Bureau entschuldigen lassen. Erst um zehn Uhr etwa fühlte er sich etwas besser, und beschloß ein wenig an die frische Luft zu gehn, in dem sonnigen Morgen draußen die trüben quälenden Gedanken zu verscheuchen.
Er ging auf den Kirchhof, das Grab seines kleinen Lieblings zu besuchen, und nahm einen Monatsrosenstock mit hinaus, ihn darauf zu pflanzen.
Der Weg der zu dem Grab, zwischen den andern Hügeln hin, führte, lief eine kurze Strecke die Mauer entlang, die bis jetzt leer gelassen und von Unkraut überwuchert lag. Nur ein einziger, unter Gras und Unkraut fast versteckter flacher Hügel war [pg 229]dort aufgeworfen, über dem kein Kreuz den Namen des Hingeschiedenen kündete, keine Blume ein sorgendes Herz verrieth, das dem Entschlafenen die stille Thräne nachgeweint. Und dort? — in das hohe, feuchte Gras geschmiegt, lag eine schlanke Mädchengestalt, Stirn und Antlitz in dem wuchernden Unkraut verborgen, auf dem die vollen aufgelösten Locken ruhten.
»Lieber Gott,« sagte der Actuar, mit dem Blumenstock im Arm neben ihr stehen bleibend, leise vor sich hin — »es ist doch noch viel, viel Elend in der Welt, und wenn Einem recht traurig und weh um's Herz ist, sollte man eigentlich immer hinaus auf den Kirchhof gehn. Da haben die Leute nicht ihre glatten unbewegten Alltagsgesichter vor, sondern geben sich wie sie sind, und wenn es auch eben kein Trost sein sollte andere Menschen unglücklich zu sehn, ist es doch jedenfalls einer, zu wissen daß man es nicht allein ist.« Und sich langsam abwendend schritt er dem Grabe seines Kindes zu, setzte den Blumentopf auf den kleinen Hügel, und sich selber dann auf eine dicht daneben liegende Marmorplatte, die das Grab eines anderen Menschen deckte.