An der Hannöverschen Grenze lag ein kleines Dorf, Waldenhayn mit Namen, und fast versteckt zwischen mächtigen Linden und Fruchtbäumen, die es von allen Seiten dicht umgaben.
Mitten im Dorf auf einem flachen, aber die ganze Ortschaft überschauenden Hügel stand die Kirche, und daneben das kleine freundliche Pfarrhaus, das sein Dach über gute und glückliche Menschen gespannt hatte, Jahrzehnte lang — und heute? — Guter Gott welche Veränderung in dem Haus — der Vater, Pastor Donner, still und ernst in seinem Sorgen[pg 237]stuhl, und, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, ordentlich eingehüllt in eine dichte Tabakswolke, die Mutter mit verweinten Augen, und doch immer geschäftig herüber- und hinübergehend, bald aus der in jene Stube, Kleinigkeiten zu besorgen die sie immer wieder vergaß, ehe sie nur das andere Zimmer betreten.
Der älteste Sohn Georg ging zu Schiff — ging nach Amerika über das weite, wilde Weltmeer nach einem anderen Vaterland, dort für den unruhigen Geist das Glück zu suchen, das er hier nicht fand, und »wann würden sie ihn — ja würden sie ihn je wieder sehen?« Oh es ist ein großer Schmerz für ein Elternherz ein Kind in der Blüthe der Jahre zu verlieren — wie viel Sorge, wie viel schlaflose Nächte hat es gemacht, bis es wuchs und gedieh; welche Hoffnungen knüpften sich an das junge Wesen, und blühten und reisten mit ihm; wie treulich wurde da nicht jeder Schritt bewacht, den noch unsicheren Fuß vor Stoß und Fall zu schützen, wie ängstlich jedem bösen Eindruck gewehrt, der Herz oder Geist hätte vergiften können. Und nun das Alles preiszugeben der Welt, ihren Verführungen, ihren Gefahren für Geist und Körper, das Alles preiszugeben und hinausgeworfen zu sehn auf die stürmischen Wogen des Lebens — sich selbst überlassen, und der eigenen, vielleicht doch noch zu schwachen Kraft. Wie viele heimliche Thränen werden da geweint, wie trüb und traurig liegt da oft des Kindes Zukunft vor dem ahnenden Blick des Vaters und der Mutter — Krankheit wird es erfassen und halten, und keine liebende Hand in der Nähe sein, es zu pflegen [pg 238]und ihm den Schweiß von der heißen, glühenden Stirn zu trocknen, die Verführung ihre falschen, goldblinkenden Netze nach ihm auswerfen, und keine treu warnende Stimme ihm zur Seite stehn — Noth und Mangel vielleicht in bitterem Weh auf ihm lasten, und Niemand da sein, der ihm Hülfe bringt, und den Unglücklichen tröstet und unterstützt — Mutter und Vater sind fern, fern von dem Geliebten, seine Klage dringt nicht herüber zu ihnen — ihr Trost und Hülfswort nicht zurück zu ihm.
Und ein solcher Abschied dann — der Tod pocht nicht viel härter an des Glückes Thor, und das Bewußtsein den Geschiedenen still und geschützt in kühler Erde zu wissen, auf der die treu gepflegten Blumen keimen, ist oft noch weniger bitter als dieser freiwillige Tod — der Fortgang über's Meer, in eine fremde, ungekannte Welt — vielleicht so ohne Wiederkehr wie jener, und ohne jedes beruhigende Gefühl der Sicherheit. Der Scheidende ist da noch immer besser, weit besser daran als die Zurückbleibenden; ihm liegt die Welt jetzt frei und offen da, jede Stunde draußen, jede Meile Wegs bringt ihm Neues, Unbekanntes, und wehrt dem Blick nur an dem einen Schmerz zu haften. Er hat auch zu sorgen, für sich und sein Gepäck, seine ganze Zukunft ist ihm in der einen Stunde in die eigene Hand gegeben — ein ungewohnt Geschäft bis jetzt — und fremde Landschaft, fremde Scenen wechseln so rasch an ihm vorüber, daß jedes Bild einen Theil des alten Schmerzes fortführt mit sich. Selbst der Gedanke an die Verlassenen hat nicht das Herbe, Bittere für ihn, als es für [pg 239]diese hat, wenn sie sein gedenken, und sich mit Vermuthungen quälen müssen wie es jetzt ihm geht, was er thut, was er treibt, wo er jetzt gerade weilt. Er weiß in welchem Kreis die Seinen sich bewegen, kennt in jeder Tageszeit ihre kleinen, häuslichen Beschäftigungen, ihr gleichmäßiges Wirken und Schaffen, und sein Herz, das immer noch daheim bei ihnen weilt, wahrt seinen festen Anhaltspunkt an sie sich unverkümmert fort, bis das Bild, von anderen dicht umdrängt in weiter immer weiterer Ferne langsam erbleicht, und nur noch auf dem Hintergrund des Herzens wie schlummernd liegt, in seinen Träumen ihn zu segnen, oder dereinst, wenn die Welt ihn kalt und rauh von sich stößt, und er allein und freundlos sich da fühlt, wieder aufzuglühen in aller Frische und Wärme, ein Trost und Hoffnungsziel, dem armen, einsamen Wanderer.
Georg war ein junger lebenskräftiger Mann von dreiundzwanzig Jahren, mit dunkelbraunen, vollen, ihm frei und ungescheitelt über die offene sonngebräunte Stirn fallenden Locken, schwarzen klaren Augen und freien, gutmüthigen Zügen, die selbst eine breite dunkle Narbe über den rechten Backen, der Autograph eines Commilitonen, nicht entstellen konnte. Er hatte Medicin studirt, und sich das Doctordiplom mit eifrigem Fleiß verdient, aber die Aussichten für einen jungen Arzt waren trüb und unversprechend in seiner Heimath, und jene fremde Welt, von der er schon so viel gelesen und gehört, zog ihn mächtig an. Sein Vater konnte und wollte dieses Streben nicht bei ihm unterdrücken; auch er erkannte die Banden, die hier einen kräftigen Geist so leicht in Fesseln legen, und ehrte den Wunsch [pg 240]und Drang der jungen, nach Thaten dürstenden Brust, einen Schauplatz zu finden für ihr Sehnen und Wirken, wenn er sich auch wohl selber dann wieder mit einem schweren Seufzer gestehen mußte, wie manche Hoffnung der Sohn zertrümmert, wie manche Erwartung er getäuscht sehn würde in dem neuen Leben, das jetzt ihm freilich im vollen Glanz einer aufsteigenden Sonne, von warmem Lichte übergossen winkte. Und wie würde sich sein Herz dann bewähren, das jetzt jubelnd zu den blinkenden, Flaggen- und Blumengeschmückten Wällen seiner eigenen Luftschlösser aufschaute, wenn es an deren Trümmern stand? oh daß er dann hätte an seiner Seite stehen und ihn leiten dürfen den dunklen, schmalen Pfad zum wahren Glück — retten ihn dann vor sich selbst und seinem bittern Weh.
Aber die Zeit lag noch fern, und weshalb sich selbst den Augenblick vergiften, wo sich der Himmel noch blau und rein über seiner Zukunft spannte. Georg selbst sah auch Nichts von solchen trüben Bildern, die das Herz des Vaters oft mit banger Trauer füllten; ihm war das Thor jetzt weit und frei geöffnet, das hinaus in's Leben führte und an dessen Schwelle er stand, und nur die Trennung noch vom Vaterhaus lag schwer auf seiner Seele.
Am schwersten freilich trug gerade diese Stunde, weil ganz und ungetheilt, das Mutterherz. Nicht dachte sie in diesem Augenblick an die Hoffnungen die dem Sohne in der Welt draußen blühen, an die Gefahren die ihm drohen könnten; sie sah und fühlte Nichts, als die Trennung von dem Kind, den Abschied von dem Heißgeliebten, und wie im Traum hatte sie [pg 241]schon den ganzen Tag ihren gewöhnlichen Beschäftigungen obgelegen, wie im Traum noch einmal seine Lieblingsgerichte bereitet für den Abend, den letzten Abend, den er im Vaterhause zubringen würde.
Lieber Gott, die Speisen kamen Abends auf den Tisch und wurden gegessen, aber Keiner von allen, die jüngsten Geschwister ausgenommen, schmeckten was sie aßen; man sprach dabei über das an dem Nachmittag fortgesandte Gepäck, über das Wetter, über die Uhr die zehn Minuten vorging — Georg trug Grüße auf an alle seine Bekannte, die sich noch seiner erinnerten. Er hatte an dem Tag noch selber ein paar Briefe schreiben wollen, war aber nicht dazu gekommen — Vieles Andere war ihm ebenfalls entfallen; so wollte er einen Absenker von dem Rosenstock mitnehmen der vor der Mutter Fenster blühte, und jetzt blieb ihm doch keine Zeit mehr; aber während dem Essen stand die Schwester — unvermißt — vom Tische auf, ging hinaus, grub einen Absenker aus, und brachte ihn in einem kleinen Topf dem Bruder, dem sich die Thränen in die Augen zwangen — er mochte kämpfen dagegen wie er wollte als er die Gabe sah. Die Mutter stand vom Tisch auf und ging hinaus — nicht ein Wort wurde gesprochen so lange sie fort war. Die Speisen verschwanden dabei von den Tellern und der Wein wurde getrunken, und die Mutter kam zurück und nahm ihren Platz wieder ein, lautlos wie vorher; man konnte den langsamen Gang der Uhr hören, an der Wand.
Da endlich füllte der Vater sein Glas bis zum Rand, [pg 242]hob es mit der Linken und ergriff mit der anderen Georgs Hand. Er hatte etwas zum Herzen des Sohnes, zum Trost vielleicht der Mutter sprechen wollen, aber die Worte schwollen ihm im Mund — er brachte eine volle Minute keine Sylbe über die Lippen, und sich gewaltsam fassend und zusammennehmend sagte er endlich.
»Auf ein frohes Wiedersehn Georg!«