Georg preßte des Vaters Hand und trank ihm und der Mutter und den Geschwistern zu — und die Mutter hob ihr Glas und stieß mit dem Sohne an, aber mehr vermochte das Mutterherz nicht — zu lange hatte sie jetzt gewaltsam gegen ihr eigenes Gefühl an- und den Schmerz niedergekämpft, den Anderen zu Liebe; länger war sie es nicht im Stande, und das Glas mit zitternder Hand niedersetzend, daß der Wein über und auf das Tischtuch floß, stand sie auf, warf die Arme krampfhaft um den Hals des Sohnes und schluchzte laut.
»Mutter, liebe — liebe Mutter — «
»Mein Kind — mein Kind,« jammerte die Frau und der Schmerz wuchs an Heftigkeit, wie der mächtig aber still dahinwälzende Strom schäumend hinausdonnert in's Freie, wo er sich erst einmal Bahn gebrochen aus seinem Bett — »mein liebes — liebes Kind.«
»Aber Mutter,« bat der Pastor, »fasse Dich; es ist ja doch nur vielleicht auf kurze Zeit, bis sich der Junge draußen die Hörner abgelaufen, und ihm die Heimath anders aussieht wie jetzt; dann kommt er wieder.«
»Liebe — liebe Mutter,« flüsterte Georg, sie innig an sich [pg 243]schließend, und auch ihm erstickten unaufhaltsam fließende Thränen die Stimme.
Die Geschwister weinten auch, und der Vater war aufgestanden und ein paar Mal mit raschen Schritten, wie um den Anderen Zeit zu geben, eigentlich aber nur seine eigene Fassung wiederzugewinnen, im Zimmer auf- und abgegangen. Jetzt blieb er neben der Gattin und dem Sohne stehn, und sie langsam trennend sagte er mit sanfter, bittender Stimme:
»Kommt Kinder, kommt — macht Euch selber nicht das Herz zum Brechen schwer; das ist unrecht. Ueberdies quält Ihr Euch zweimal, und habt morgen früh noch dasselbe Leid. Es ist eine lange Trennung, aber keine Trennung für's Leben — wir sind Alle noch rüstig und gesund, und werden uns, will es Gott, hoffentlich Alle einmal froh und freudig in die Arme schließen können.«
»Aber Du schreibst bald, Georg,« flüsterte die Mutter sich mit aller Kraft zusammennehmend — »Du läßt uns nie lange ohne Nachricht, nicht wahr Du versprichst mir das?«
»Gewiß Mutter, gewiß — so oft ich kann — aber ängstigt Euch nur auch nicht, wenn einmal ein Brief länger ausbleibt als gewöhnlich; der Weg ist weit, und ein Brief kann leicht verloren gehn.«
»So, und jetzt zu Bett Kinder,« mahnte der Vater — »es ist spät geworden, sehr spät, und Du mußt früh wieder heraus Georg, die Post nicht zu versäumen; sind Deine Koffer hinübergeschafft?«