»Es ist Alles drüben,« sagte die Mutter, sich aus den[pg 244] Armen des Sohnes windend und ihre Thränen trocknend, »nur sein Ueberrock ist noch hier, den er anzieht, und die kleine Tasche in die er morgen früh sein Nacht- und Waschzeug steckt — doch das besorg' ich schon selber und werd' es nicht vergessen. Ich bin früh auf, Georg, Du mußt ja doch auch noch Deinen Kaffee haben bevor Du gehst.«
»Gute Nacht Mutter!« rief Georg, umschlang sie noch einmal und küßte ihr Lippen, Augen und Stirn, »gute Nacht meine gute, gute Mutter — gute Nacht!«
»Gute Nacht mein Georg, mein Kind,« sagte die arme Frau unter Thränen — »schlaf nur jetzt recht aus — zum letzten Mal unter unserem Dach — für die nächste Zeit wenigstens,« setzte sie rasch hinzu — »denn mit Gottes Beistand hoff' ich soll es nicht das letzte Mal gewesen sein — und — und meinen Segen nimm mit Dir, wohin Du gehst — wo Du weilst — was Du thust — — er ruhe auf Dir, mein gutes, gutes Kind!«
Georg beugte sich unwillkürlich dem ernsten heiligen Wort — seine ganze Gestalt zitterte dabei, und die Mutter mußte sich endlich mit freundlicher Gewalt aus seinen Armen winden; dann aber floh sie auch hastigen Schrittes aus dem Zimmer, sich in dem eigenen Kämmerlein recht, recht herzlich auszuweinen.
Die Geschwister sagten dem Bruder jetzt gute Nacht — die älteste Schwester Louise hing lange an seinem Hals, aber riß sich los, den Schmerz der Eltern nicht zu vermehren. Die Jüngeren küßten ihn auf die Wangen und sagten. »Gute[pg 245] Nacht Georg — weck' uns nicht zu spät morgen früh, daß wir Dir auch noch können glückliche Reise wünschen.«
Georg küßte sie herzlich und bat sie brav und gut zu sein, und Vater und Mutter Freude — viel Freude zu machen, denn er selber ginge nun fort, und die Eltern würden deshalb recht traurig sein.
»Gute Nacht Georg,« sagte der Vater, als die Kinder zu Bett gegangen waren, und Alle, außer ihm, das Zimmer verlassen hatten, »habe keine Angst daß Du die Post morgen verschläfst, ich wache schon auf zur rechten Zeit — gute Nacht mein Sohn. Komm komm, fange nicht selber wieder an, und mach' mir das Herz nicht schwer vor der Zeit — aber Georg, um Gottes Willen was ist Dir? — sei ein Mann — Nun ja — so lange die Frauen da waren hat es mir auch das Herz fast abgedrückt — man darf es sie ja nicht so merken lassen, sonst zerfließen sie ganz — «
»Mein lieber — lieber Vater,« schluchzte Georg an seinem Halse.«
»Mein guter, guter Sohn!« flüsterte der Pastor, des Kindes Stirne küssend, und jetzt selber im Innersten ergriffen und bewegt — »bleibe brav — bleibe so brav wie Du bist — ich kann Dir nichts Besseres wünschen — trage Gott im Herzen und Dich selbst, und — Deiner alten Eltern Bild, deren Segen Dir folgt auf allen Deinen Wegen.«
»Mein Vater!«