»So mein Sohn — jetzt gute Nacht und bete zu Deinem[pg 246] Schöpfer daß er uns morgen in der schweren Abschiedsstunde stärkt — gute Nacht mein Georg — gute Nacht.«

Leise machte er sich los aus des Sohnes Arm, küßte ihn noch einmal, und verließ dann rasch das Zimmer. Georg aber blieb lange, lange Minuten auf dem Stuhle sitzen wo ihn der Vater verlassen, das Gesicht in seinen Händen bergend.

»Gute Nacht,« flüsterte er endlich leise und kaum hörbar, als Alles schon im Hause still war, und zu Ruhe gegangen — »gute Nacht Ihr Lieben und Gott schütze Euch und mich; aber nicht möglich wäre es mir, die furchtbare Trennungsstunde noch einmal durchzuleben, nicht möcht' ich Dir Vater, Dir Mutter den Schmerz, das bittere Weh zum zweiten Mal bereiten. Es ist vorbei — Alles vorbei, und wenig Stunden noch und die Heimath selber liegt, ein schöner Traum nur, in der Erinnerung Tiefe. So denn an's Werk« setzte er fest und entschlossen hinzu, »und ob das Herz darüber brechen will, »durch« ist mein Wahlspruch jetzt, durch Nacht zum Licht — durch

Und mit den, fest zwischen den zusammengebissenen Zähnen gemurmelten Worten stand er auf, und sein Schlafzimmer öffnend warf er den Rock ab, und badete Gesicht und Nacken in kühlem Wasser. Dann, als er die Glut die ihn durchtobte, in etwas gelöscht, packte er den kleinen Nachtsack mit den, sorglich für ihn auf dem Waschtisch ausgebreiteten Gegenständen, zog sich wieder an, knöpfte den Ueberrock bis an den Hals zu, denn die Nacht war kalt, und nach der gehabten Aufregung fröstelten ihn die Glieder, und im Zimmer umherschauend fiel sein Blick auf den, unter dem Spiegel stehenden, für ihn ein[pg 247]geschlagenen Rosenstock. Rasch barg er ihn in der weiten Tasche seines Ueberrocks, öffnete dann das Fenster, das in den Garten hinaus und von da über den Kirchhof führte, der Landstraße zu, und schwang sich auf das Fensterbret.

»Ade!« flüsterte er, »ade Du trautes, liebes Haus, ade — Gott halte seine Hand über Dir, und schütze die lieben Menschen — ade, ade.« Und von dem Bret hinunterspringend in den Garten, durcheilte er diesen, schwang sich leicht über die Kirchhofmauer, die er als Kind unzählige Male überklettert, und schritt dann langsam und traurig seinen einsam dunklen Weg entlang.

* * * * *

Noch hob sich die Sonne nicht über den östlichen Fichtenhang, und der dämmernde Tag grüßte eben die schlummernde Erde, als sich die Mutter von ihrem Lager hob, das Mädchen weckte daß es Feuer in der Küche mache, den Kaffee bereit zu halten, und dann den Mann rief, dem Sohn ade zu sagen. Pastor Donner hatte aber auch nur in unruhigem Schlaf gelegen — die Gedanken und Sorgen ließen ihn nicht ruhen, und wie aus bösem Traum fuhr er oft empor, mit einem wehen Stich durch's Herz zurückzusinken, daß es eben kein Traum sei, der ihn bedrücke und quäle.

Er stand auf, zog sich an, und während die Mutter draußen in der Küche sorgte, dem Sohn ein rasches Frühstück zu bereiten, ging der Vater hin ihn zu wecken.

[pg 248]»Georg!« sagte er, als er die Thür öffnete, die in des Sohnes Kammer führte — »Georg — es wird Zeit — heiliger Gott!« unterbrach er sich aber rasch und erschreckt als er das Gemach leer, das Bett unberührt und keine Spur mehr von dem Kinde fand — »heiliger, erbarmender Gott — er ist fort.« Und wie er sich auch vorgenommen sich zu fassen, und der Frau, dem Kind, die letzten Augenblicke nicht mehr zu erschweren, durch seine eigene Schwäche, traf ihn der Schlag doch zu hart — zu unerwartet. In diesem Augenblick betrat die Mutter das Zimmer, und sah wie der Vater sich erschüttert von der Thür abwandte und das Antlitz in den Händen barg.

»Mein Sohn — mein Kind!« stammelte sie, in der sie durchzuckenden Ahnung des Geschehenen, der sie wie ein jäher Schlag in's Herz traf — »wo ist — wo ist Georg?« Aber der Vater zog sie an die Brust, und ihre Stirn, auf die seine heißen Thränen fielen, küssend, flüsterte er leise: