»Er hat uns den Schmerz des Abschiedes sparen wollen, Louise — er ist fort.«
»Fort!« hauchte die Frau — kaum noch den Sinn der Worte fassend, und brach bewußtlos in den Armen des Gatten zusammen.
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Außerhalb Waldenhayn, wenn auch noch zu demselben Kirchspiel gehörend, und dicht an der Grenze des bis hier herniederlaufenden Holzes, stand ein kleines, schon halb verfallenes[pg 249] Haus, das früher einmal von einem Forstgehülfen des herrschaftlichen Waldes bewohnt, dann aber nicht mehr benutzt, und um ein Billiges, eigentlich auf Abbruch, verkauft worden war. Der Mann der es kaufte aber, hatte früher ebenfalls in herrschaftlichen Diensten gestanden, und dann das Metzger-Handwerk getrieben; sein wildes, liederliches Leben jedoch ließ sein Geschäft nicht fördern, noch vorwärts gehn. Er schien auch keine rechte Lust an einer regelmäßigen Arbeit zu haben, heirathete dann, als er Alles was er sein nannte, durchgebracht, ein Mädchen vom herrschaftlichen Gut, das den Dienst dort verlassen mußte und von dem Herrn selber eine Abstandssumme bekam, und kaufte mit dem Gelde eben das kleine unwohnliche Gebäude, das er nichtsdestoweniger bezog, und sich jetzt angeblich vom Viehhandel ernährte. Er zog im Lande herüber und hinüber, und kaufte und verkaufte Vieh, mehr aber noch trieb er sich in den Wirthshäusern herum, wo er trank und spielte, und den schlimmsten Ruf im Lande hatte, den ein Mensch haben kann, ohne daß jedoch die Polizei den mindesten Halt an ihn bekommen konnte. Aber die ordentlichen Leute zogen sich von ihm zurück; Niemand mochte Umgang mit ihm oder seinem Weibe haben, und auf dem Weg zu seinem Hause wuchs Gras; wen dort nicht ein besonderes Geschäft hinführte, betrat ihn nimmer.
So hatte der »schwarze Steffen,« wie er im Lande seines dunklen Haares und Aussehns wegen hieß, sechs Jahre in dem kleinen Haus gewohnt, und sein Weib ihm, außer dem Kind das sie in die Ehe gebracht, noch drei andere geboren. In der [pg 250]letzten Zeit tauchte dabei ein anderer Verdacht gegen ihn auf, daß er sich nämlich unter der Hand mit Wilddieben einlasse, und — wenn auch vielleicht nicht selber wildere, doch das Gestohlene kaufe und unterbringe.
Sicher ist, daß nicht alles Fleisch was er zu Markte führte, im Stall gemästet worden, und als nun auch gar einmal, und vor nicht so sehr langer Zeit, ein Forstgehülfe, in Ausübung seiner Pflicht, erschossen worden, wurde die Aufsicht über den schwarzen Steffen, dem man aber doch nicht zu Kragen konnte, so scharf geführt, und diesem zuletzt so unerträglich, daß er schon ein paar Mal mit den Forstbeamten im Wirthshaus Streit gesucht und gefunden, und ihm zuletzt von der Herrschaft, nach lange geübter Nachsicht, der Befehl zugestellt wurde, das auf den Abbruch damals erstandene Haus, von dem übrigens kein Ziegel mehr sein gehörte, zu räumen und abzutragen oder stehen zu lassen, wie es ihm gefalle, seinen Wohnsitz aber, wider ihn eingelaufener Klagen wegen, wo anders zu nehmen, vom ersten des nächsten Monats an.
Steffen war heute einmal ausnahmsweise den ganzen Tag zu Haus geblieben, und hatte manche von seinen Sachen, wobei ihm die Frau half, zusammengetragen und in einen Ranzen gepackt. Die Kinder aber achteten wenig darauf; sie waren gewohnt daß der Vater oft fortging, und dann immer mehre, manchmal sogar acht Tage fortblieb, ehe sie ihn wieder zu sehen bekamen, oder auch nur von ihm hörten. Fragen, wohin er ging, durften sie nie.
Der Vater war übrigens mürrischer heute als je — er [pg 251]sprach fast kein Wort, trank aber oft aus der Flasche, die zum ersten Mal offen in der Stube stand, und woraus sich auch die Mutter zweimal einschenkte, und sich dann zu dem jüngsten Kinde setzte, und es auf den Schoos nahm und küßte.
»Weshalb weinst Du, Mama?« sagte das zweite Kind, ein Junge von etwas über fünf Jahren — »hat Dir Jemand 'was zu Leid gethan?«
»Weil sie eine Närrin ist,« brummte der Vater, der die Frage gehört hatte, und jetzt einen ärgerlichen Blick nach der Frau schoß — »ich dächte wir hätten nun genug darüber geschwatzt und die Sache wär' abgemacht.«