»Nun ja — ich sage ja auch kein Wort mehr dagegen,« erwiederte die Frau — »es — es überkommt Einen nur noch manchmal so — nachher wird's besser und — es geht ja doch nun einmal nicht anders,« setzte sie still und schwer vor sich hinseufzend, hinzu.
Steffen entgegnete nichts weiter darauf, schickte aber bald darauf, unter irgend einem Vorwand, die Kinder mitsammen hinaus in den Garten, und sagte dann, als er sich mit der Frau allein sah, mürrisch und finster.
»Du flennst und flennst, und wirst die Bälge noch zuletzt aufmerksam und ängstlich machen mit Deiner Heulerei — kannst Du sie hier ernähren, so bleib da, ich habe Nichts dagegen; kannst Du's aber nicht, dann sei auch vernünftig und mach' jetzt keine dummen Streiche — es wär' ein Spaß, wenn sie uns abfaßten, und Du weißt am Besten was uns nachher bevorstünde.«
[pg 252]Die Frau war schlank und voll gewachsen, mit besonders kleinen Händen und Füßen, mußte auch einmal in früheren Jahren wirklich schön gewesen sein, und mehr noch als nur die Spuren war ihr davon geblieben, hätte sie eben etwas gethan sich das zu erhalten. Aber in ihrem ganzen Aeußeren ging sie, wenn nicht geradezu unreinlich, doch vernachlässigt; die ungeordneten Haare wurden durch einen zerbrochenen, ächten Schildpatkamm, und durch ein schwarzes abgescheuertes Sammetband, in dem vorn eine große bronzene Broche mit einem unächten Turquis saß, gehalten; in den Ohren hingen ihr ebenfalls lange emaillirte unächte Ohrringe, die mit dazu beigetragen hatten ihr bei ihren bescheidenen und einfachen Nachbarn den Namen der »stolzen Jule« zu geben, und das Kleid von gutem Stoff und nach neuem Schnitt gemacht, zeigte unausgebesserte Risse, und Spuren von Fett, in Streifen und Flecken, die schlecht zu dem blitzenden falschen Schmucke paßten.
Auch in den Augen selber lag etwas Keckes, Unweibliches, das aber doch jetzt einem mächtigeren Gefühl gewichen war, denn nur manchmal, bei den rauhen Worten, blitzte es an gegen den Mann, und um die Lippen zog sich dann ein eigener fester Zug von Trotz und Zorn.
»Ich hab' Dir genug zu Willen gethan, daß ich mit Dir gehe und die Kinder zurücklasse,« sagte sie dann nach kleiner Weile — »wenn's mir das Herz dabei zusammenzieht, wärst Du schlimmer wie ein Thier, wolltest Du's mir wehren. Der Wolf läßt seine Brut nicht im Stich, und wir wollen fort — «
[pg 253]»Der Wolf hat auch draußen zu leben, und für die Jungen Milch — wer giebt's uns?« zischte der Mann zwischen den zusammgebissenen Zähnen durch — »wir könnten krepiren hier im Nest, keine Katze miaute deshalb im ganzen Kreis.«
»Ich weiß es, ich weiß es,« sagte die Frau, »und das ist das Einzige was mich freut, daß wir ihnen jetzt einen Streich spielen — den Lumpen. Und wie sie schreien und schimpfen werden — aber ernähren müßen sie sie doch, davon hilft ihnen kein Gott. Leid thut's Einem freilich immer, die armen Dinger, die noch Nichts von der Welt wissen und begreifen, so allein zurückzulassen — wenn ich das Jüngste nur mitnehmen dürfte — « setzte sie leise hinzu.
»Komm mir nur jetzt nicht wieder mit dem alten Gewäsch,« rief aber der Mann finster und ärgerlich — »ich dächte das hätten wir über und genug besprochen und überlegt, und wären einig darüber.«
»Ueberlegt gar nicht,« sagte aber die Frau, die Brauen fest zusammenziehend — »wenn ich davon anfing hast Du mich immer grob angefahren und ausgezankt, und Deinen Willen gehabt dabei, wie bei allem Anderen. Ich weiß daß ich nicht zu den Weichen gehöre, aber — Mutter bleibt doch Mutter, und — 's ist immer ein häßlich unnatürlich Ding.«