Er gab dem Knaben und ältesten Mädchen die Hand, und ging zu den Bettchen der Kleinen die er küßte; dann aber als ob er sich einer solchen Regung schäme, richtete er sich rasch wieder auf, drückte den Hut in die Stirn, und sagte, das Zimmer verlassend, und noch in der Thür sich umdrehend:

»Ich warte auf Dich unten am Wasser — mach schnell!«

»Sei ein gut Kind Albertine, und hab mir gut auf die Kleinen Acht,« flüsterte die Frau jetzt dem Mädchen zu, das eben dem Bruder ein Stück Brod und Salz gegeben hatte, an dem der aß und verwundert dabei hinter den Vater her aus der Thür, und nach der Mutter schaute, die lange — o lange Zeit nicht so freundlich mit ihnen gesprochen hatte.

»Aber Mutter wo geht Ihr nur hin?« — frug das Mädchen, der das Benehmen der Eltern ebenfalls auffiel, verwundert.

»Auf's Amt,« sagte die Frau, auf die Frage schon vor[pg 258]bereitet — »wir müssen morgen früh mit Tagesanbruch in der Stadt sein, und wollen gehn so lang's kühl ist.«

»Und wann kommst Du wieder?«

»Hoffentlich morgen gegen Abend — wenn wir fertig werden; auf dem Amt sind sie aber gar weitläufig — manchmal dauert's länger als man denkt. Geht mir aber nicht vor die Thür, Ihr habt zu essen genug — jedenfalls sind wir morgen Abend um die Zeit wieder da — und acht' mir auf die Kleinen, Tine — sei ein vernünftig gutes Mädchen — Du bist groß genug. Und — wenn Jemand nach uns fragen sollte, so sag nur wir wären in den Wald gegangen, und kämen gleich wieder — es wird aber wohl Niemand fragen,« — setzte sie leise, und wie zu ihrer eigenen Beruhigung hinzu.

Sie sah sich im Zimmer um, ob sie Nichts vergessen habe — ihr Bündel lag aber versteckt draußen vor der Thür, wie der Mann seine gepackte Jagdtasche ebenfalls draußen verborgen gehabt und jetzt mitgenommen hatte. Ihr Blick überflog auch nur flüchtig den kleinen Raum, und haftete dann auf dem Bettchen des jüngsten Kindes — sie konnte nicht widerstehn, und trat noch einmal zu dem schlummernden Kind.

»Geh doch hinaus Tine, und hole ein paar Stücken Holz herein, so lang ich noch hier bin, daß Du morgen früh Kaffee kochen kannst — ich bleibe so lang bei den Kindern,« setzte sie langsam und ohne das älteste Mädchen dabei anzusehn, hinzu. Dieses ging, und in wilder, fast ängstlicher Hast küßte die Frau jetzt die kleine, schon sanft schlummernde Line, und hob dann [pg 259]das Jüngste aus seinem Kasten, auf dessen rosige Lippen sie den eigenen Mund in wilder Heftigkeit preßte, bis es schrie. Die Thränen — die Mutter konnte sich nicht ganz verleugnen in dem Augenblick — liefen ihr dabei voll und schwer die Wangen hinunter, und erst als sie das Aelteste mit dem Holz zurückkehren hörte, legte sie das leicht beruhigte Kind wieder auf sein Lager, und küßte den Jungen, dem die Thränen auch anfingen in die Augen zu steigen. Er wußte freilich nicht recht weshalb, und nur vielleicht weil er die Mutter weinen sah, wurd' es ihm auch so weh und weich um's Herz.

»Aber Mutter, was ist Dir nur heute Abend?« sagte das Mädchen, dem die außergewöhnliche Bewegung derselben unmöglich entgehen konnte — »was habt Ihr nur, Du und der Vater?«