»Es sind wohl lauter Landleute hier miteinander?«

»Ja meistens — ein Schneider ist dabei, und der Schmied aus dem Dorfe und der Herr Pastor ist schon voraus.«

»Der Pastor geht auch mit?« frug Kellmann schnell.

»Ahem,« nickte der Mann, »der ist aber mit der Post gefahren, aber er hat gesagt er wollte sehn daß wir Alle auf ein Schiff kämen. Danke schön Ihr Herren, adje.«

»Glückliche Reise,« rief ihm Kellmann nach.

[pg 031]»Danke,« nickte der Mann noch einmal zurück, »könnens brauchen,« und schloß sich den übrigen wieder an, von denen die letzten gerade die Thür des Wirthshauses passirten.

Es waren ärmliche, viele von ihnen kränklich oder wenigstens bleich aussehende Gestalten, in die Bauerntracht ihrer Gegend gekleidet; die meisten Frauen mit Kindern auf dem Arm, Manche sogar deren an der Brust, und ein Bündel dazu auf dem Rücken, die im Schweiß ihres Angesichts, wie sie bis jetzt gelebt, mühsam der fernen ersehnten Heimath entgegenstrebten. Hie und da waren auch ein paar kräftige junge Burschen von zwölf bis vierzehn Jahren vor ein kleines leichtes Handwägelchen gespannt, darauf gepackte Betten, Kleidungsstücke und Lebensmittel die weite Straße entlang zu ziehen. — Die Leute hatten kein Geld übrig, denn das wenige, was sie zur Reise aufgespart, mußten sie für das Schiff aufheben, und ein paar Thaler sollten doch auch noch wenigstens, wenn das irgend anging, übrig bleiben, damit sie nur die ersten Tage in Amerika, ehe sie Arbeit bekämen, vor Sorge geschützt wären. Den glänzenden Schilderungen die ihnen von dem neuen Lande ihrer Hoffnungen gemacht waren, trauten die armen Frauen am wenigsten in ihrem vollen Umfange; von Jugend auf, wie ihnen nur eben die Kräfte wurden ihre jüngeren Geschwister in der Welt herumzuschleppen, hatten sie arbeiten, hart arbeiten müssen, und viel anders würde es auch wohl nicht da drüben sein. Der Sorgen waren hier nur gar so viele angewachsen, mit jedem Jahre mehr, wie sie sich auch plagten und quälten, und schlechter konnte es dort drüben [pg 032]nicht sein. Das war für jetzt der einzige Trost den sie mit sich trugen die lange, heiße Straße entlang mit einer kleinen Hoffnung möglicher Besserung vielleicht, und sie drückten dann die Kinder nur fester an ihr Herz und küßten sie, und flüsterten ihnen leise und heimlich zu daß sie nicht mehr schreien sollten, denn sie gingen nach Amerika, und da würde schon Alles gut werden, wie ihnen der Vater gesagt.

Die Männer und Burschen zogen der fernen Welt aber schon mit mehr Vertrauen entgegen; das Bewußtsein der eigenen Fähigkeit und Kraft hob sie dabei auch über Manches hinweg das die abhängigen Frauen schwerer zu Boden drückte. Wer bei einer langen Wanderung voran geht, und für den Weg zu denken hat, wird nie so müde als der, der ihm folgt, nur für sich denken läßt, und hinter drein zieht. Viele von den Männern trugen auch Jagdtaschen und Gewehre auf dem Rücken, Büchsen und Schrotflinten — was sollte es »da drüben« nicht Alles zu schießen geben; — Manche auch nachgemachte bunte Blumensträuße auf dem Hut. Einzelne, aus Baiern und Thüringen, die sich ihnen angeschlossen, hatten sogar ein paar kleine gefärbte Maraboutfedern mit ihren Landesfarben, blau und weiß, und grün und weiß in ihrem Hutband stecken; die Meisten aber schienen keine solche Erinnerung an die Heimath mitnehmen zu wollen, in das neue Vaterland.

Die Leute gingen vorüber, und die Gäste hatten ihnen schweigend nachgeschaut, so lange fast, bis sie die nächste Biegung der Straße ihren Blicken entzog. Auch Lobsich war wieder vor die Thür seines Gartens getreten, und sich jetzt [pg 033]kopfschüttelnd zurück zu seinem Tische wendend, brummte er vor sich hin.

»S'ist mir doch was Unbedeutendes« — es war dieses eine seiner stehenden Redensarten, die in der That unbegrenztes Erstaunen ausdrücken sollte — »was die Leute dieß Frühjahr wieder an zu ziehen fangen; Tag für Tag geht das so fort; Trupp nach Trupp kommt über die Berge herüber, mit Sack und Pack, mit Weib und Kind — und Alles fort, Alles fort, und man merkt nicht einmal von wo sie fort sind.«