»Doch, doch,« sagte Kellmann, die Augenbrauen in die Höhe ziehend und mit dem Kopf nickend, »doch, doch Lobsich; ob man's wohl merkt? — geht einmal da über die Berge hinüber und seht Euch in den Dörfern um; da steht manches alte halbzerfallene leere Haus, an das irgend eine Familie da drüben noch mit Schmerzen zurückdenkt, und in das Niemand anderes mehr Lust hat einzuziehen, weil er noch eine Menge bessere, ebenfalls leer, in demselben Dorfe findet. Es ist immer ein trauriger Anblick solch ein leeres Haus, und ich seh's nicht gern.«

»Und was für Geld tragen sie außer Land,« fiel der Apotheker hier ein, der indeß, sich zu zerstreuen, im Heilinger Tageblatt gelesen hatte, jetzt aber nicht umhin konnte auch noch ein Wort mit drein zu werfen — »was sie nicht mit hinübernehmen können, lassen sie wenigstens in den Seestädten, und zu uns kommt Nichts mehr davon zurück. Wenn ich nur das erst einmal erlebe, daß die Leute zu ihrem Glück förmlich gezwungen, und nicht mehr aus dem Land hinausgelassen wer[pg 034]den; geht das aber so fort, so werden sie so lange auswandern, bis uns hier weiter gar Nichts übrig bleibt als mitzugehen, wenn wir nicht eben allein sitzen wollen in dem verödeten Land, unseren Acker selber zu bauen. Hol sie der Teufel, wofür hat sie denn eigentlich der liebe Gott in die Welt gesetzt und ihnen den Holzkopf gegeben, der sie zu allem Anderen untauglich macht. Ackern und Düngen müssen sie drüben doch auch, und weshalb können sie das nicht eben so gut hier? — Nein Gott bewahre, die paar Thaler die sie sich hier erspart haben, müssen erst wieder verschleppt und hinausgeworfen werden an Experimente und reinen Uebermuth, und nachher sitzen sie erst recht da; dort drüben können sie Nichts mehr sparen, und müssen schon drüben bleiben, wenn sie auch wieder herüber möchten. Die Paar die sich doch noch ein paar Thaler zusammenscharren, die kommen nachher schnell genug wieder zurück, aber es sind nur wenige, und die anderen armen Teufel haben die Brücke muthwillig hinter sich abgebrochen, und sitzen nun auf der wohlriechenden Haide ohne Unterfutter. Jesus Maria und Joseph, es muß ein ordentlicher Jammer drüben sein.«

»Na, so arg nun denn doch wohl noch nicht, Schollfeld,« sagte Kellmann kopfschüttelnd, »man hört doch nun auch so Manches von da drüben was nicht gar so schlecht klingt, und wo sich's schon aushalten ließe, wenn man — wenn man eben einmal einen solchen verzweifelten Schritt absolut thun müßte oder wollte.«

»Nicht so arg?« rief aber Schollfeld, der hier sein Stecken[pg 035]pferd ritt, und sich selten eine Gelegenheit entgehen ließ auf Amerika zu schimpfen — »nicht so arg? da, hier lesen Sie einmal das Tageblatt, was der wackere Dr. Hayde darüber schreibt; das ist ein Mann, der hat Haare auf den Zähnen und muß die Sache verstehn, denn er ist Einer von den Wenigen die drüben gewesen und glücklich wiedergekommen sind. Er bringt kaum eine Nummer in der er nicht ein oder den anderen Hieb auf die Verhältnisse Ihres »glücklichen Amerika« hat — das muß ja ein wahres Raubnest sein, lesen Sie nur einmal.«

»Hören Sie lieber Schollfeld, ich will Ihnen einmal 'was sagen,« erwiederte ihm Kellmann ruhig, »dieser Dr. Hayde, der Ihnen die schönen Artikel schreibt ist, der Meinung aller ordentlichen Kerle in Heilingen nach, das wenigste zu sagen eine kleine geschwollene Giftkröte, ein weggelaufener Advokat, den die Verhältnisse aus Deutschland vertrieben, und den in Amerika Niemand mit seinen Talenten haben mochte. Zu faul zum arbeiten, und nicht im Stande etwas Anderes zu thun, wurde er dort wahrscheinlich vom Schicksal hin- und hergestoßen, und wie ein aus einer Thür geworfener Mops, stellt er sich jetzt draußen hin, wo sich Niemand die Mühe giebt ihn zu stören, und schimpft und klefft. Ich will Amerika eben nicht in allem vertheidigen, aber was der gerade darüber sagt würde mich auch nicht bestimmen. Wie ein Dreckkäfer schleppt er sich nur mit größter Mühe kleine Stückchen Koth herbei, und rollt sie zusammen eine Kugel zu machen in die er sein Ei legt — pfui über den Burschen.«

[pg 036]»Na jetzt freut mich aber mein Leben,« rief Herr Schollfeld erstaunt aus — »erst schimpfen Sie selber auf Amerika, und nun auf einmal soll der arme Doktor die ganze Schuld tragen.«

»Ich schimpfe nicht auf Amerika,« sagte Kellmann ruhig, »ich kann nur nicht leiden wenn man es auf Kosten unseres eigenen Vaterlandes herausstreicht, und gegen alle seine Nachtheile blind ist. Es wäre allerdings noch viel gefährlicher sich die Lichtseiten alle zu bunt auszumalen; die armen Leute die nachher hinübergehn und es anders finden, sind dann zu sehr enttäuscht, und fallen gewöhnlich, wie mir gesagt ist, aus einem Extrem in's Andere — aber so taugt's auch Nichts.«

»Guten Abend selbander,« sagte in dem Augenblick eine andere Stimme dicht hinter ihnen, und als sie sich danach umschauten, stand ein alter Bekannter von ihnen, Mathes Vogel, ein reicher junger Bauer aus dem nächsten Dorf, an ihrem Tisch und streckte ihnen freundlich die Hand entgegen.

»Hallo Mathes, wie geht's?« rief Kellmann die gebotene herzlich schüttelnd — »Wetter noch einmal Mann, wo habt Ihr jetzt gerade in der Saatzeit gesteckt, daß Ihr in der Welt herumreist wie ein Baron, der seine Güter verpachtet hat? Ihr seid verreist gewesen.«

»Ja Herr Kellmann, in Bremen.«