Capitel 3.

Der Diebstahl.

Zehn Minuten mochten sie so etwa schweigend nebeneinander hergegangen sein, als hinter ihnen auf der Straße eine Equipage und klappernde Hufschläge gehört wurden, die sie rasch einholten und an ihnen vorbeirauschten, eine dicke Staubwolke dabei über den Weg wälzend. Es war die Familie Dollinger mit dem, neben dem Wagen hin galoppirenden Fremden, dem Bräutigam der Tochter.

»Die kommen schneller von der Stelle als die armen Auswanderer vorhin,« sagte Kellmann, als sie vorbei waren — »Wetter noch einmal, es ist doch ein anderes Ding so ein paar flüchtige Rappen vor sich zu haben, und wie im Flug durch die Welt zu jagen, als mit einem schweren Packen auf dem Rücken und wunden Füßen vielleicht, mühselig die staubige Straße entlang zu keuchen.«

»Ja, die Gaben sind ungleich vertheilt in der Welt,« [pg 047]seufzte der Actuar, »was der Eine haben möchte, hat der Andere schon, und das ist auch wohl das ganze Geheimniß der socialen Frage, läßt sich aber nun einmal nicht ändern, und wir dürfen vielleicht den Kopf darüber schütteln, und wünschen daß es anders wäre, aber weiter eben Nichts.«

»Der auf dem Pferd, war der Dings da von Amerika,« sagte der Apotheker jetzt, »der das schmählige Geld hat und des reichen Dollingers Tochter noch dazu heirathet. Soll mir noch einmal einer sagen daß Eisen der stärkste Magnet sei; Gold ist's, und wo das liegt zieht es anderes hin.

»Und wie steht's mit Actien?« lachte Kellmann.

»Bah — bleibt immer dasselbe,« brummte der Apotheker, »das Gold steckt darin, und kann durch einen sehr einfachen chemischen Proceß leicht herausgezogen werden — wenn man sie hat.«

»Es wundert mich übrigens daß der alte Dollinger sein Kind über das große Wasser hinüberziehen läßt,« meinte der Actuar — »dem hätte es doch auch hier im Lande nicht an einer eben so guten Parthie gefehlt.«

»Liebe,« meinte Kellmann achselzuckend — »Liebe ist blind sagt ein altes Sprichwort; dagegen lassen sich eben keine Gründe anbringen. Wär's übrigens auch nicht wegen dem großen Wasser, der Bursche gefällt mir außerdem nicht, und ich möchte ihm meine Tochter nicht geben und wenn er bis über die Ohren in Golde stäcke. Er hat ein verschlossenes, hochfährtiges Wesen, behandelt den gemeinen Mann wie einen Hund, und spricht von Allem was wir hier haben, unseren[pg 048] Einrichtungen, unseren Gesetzen, unseren Vergnügungen selber, ja unserem Klima und Land, das doch zum Henker auch sein Vaterland ist, mit der größten Verachtung. Amerika, und immer wieder Amerika, hinten und vorn; ei Blitz und Hagel, ich will gar nicht leugnen daß es manche gute Seiten haben mag, das Amerika, wenn ich sie auch gerade nicht einsehen kann, aber so viel besser wie unser Deutschland ist es doch auch nicht drüben, und wenn's so einem Burschen da einmal zufällig geglückt ist, sollt' er nicht als Lockvogel sich hier mitten zwischen uns hineinsetzen, anderen vernünftigen Leuten unglückselige Ideeen in den Kopf zu pflanzen.