»Es ist erstaunlich!« rief Kellmann, vor lauter Verwunderung über das eben Gehörte wirklich fast sprachlos.

»Nun aber auch trinken — hier Loßenwerder — hier,« riefen sie, ihm das Glas bis zum Rand mit dem schäumenden Trank füllend, »und dann noch ein Lied; bei Gott, das zuckt und prickelt Einem ordentlich durch die Adern, und klingt wie Glockenton so rein und voll; Loßenwerder wo habt Ihr das Singen gelernt?«

»Vo — vo — vo — vo — vo — von mi — mi — mir se — se — se — se — selb — bber,« stotterte der kleine Mann, kaum im Stande jetzt mit immer schwerer werdender Zunge nur die paar Worte [pg 084]vorzubringen, während ihm im Gesang die Strophen wie der Lerche das schmetternde Lied; aus der Kehle wirbelten.

»Und da hat bis jetzt noch gar kein Mensch etwas davon erfahren,« rief Kellmann wieder — »behält die liebe Gottesgabe da ebenfalls für sich allein, kommt nirgends hin, spricht mit Niemand, trinkt und singt mit Niemand, und hat eine Stimme in der Luftröhre sitzen, die Einer, wer es darauf anzulegen verstände, in reines Gold verwandeln könnte.«

Von allen Seiten tranken sie jetzt dem kleinen Mann zu, und überschütteten ihn mit Lob und Jubel, und dieser schwamm wirklich in einem wahren Meer von Wonne. So wohl war ihm auch noch nie geworden — Niemand hatte sich bis jetzt um ihn bekümmert, Jeder ihn verspottet und verhöhnt, und zum ersten Mal, vielleicht seit langen, langen Jahren, fühlte er sich unter Menschen einem Menschen gleich, wußte sich nicht mehr verachtet und unter die Füße getreten, und sah freundliche Augen um sich her, die ihn wie ihres Gleichen anschauten.

Dem löste sich auch endlich seine Zunge, oder wenigstens sein guter Wille zu reden, so weit, daß er beginnen wollte Geschichten zu erzählen. Das ging aber unter keiner Bedingung; beim Singen ja, aber beim Sprechen brachte er kein Wort mehr über die Lippen, und selbst das Singen versagte ihm zuletzt den Dienst; die Augenlider wurden ihm schwer, er fing an zu lallen, und war eben zurück auf seinen Stuhl und dem Schlaf in die Arme gesunken, als die Thür aufging und zwei Gerichtsdiener in's Zimmer traten. Es war etwa elf Uhr[pg 085] Abends und die meisten Gäste, mit Ausnahme des einen Tisches, hatten das Haus schon verlassen.

»Hallo was ist das?« sagte Herr Kellmann, der die beiden Leute zuerst bemerkte, »das ist wunderlicher Besuch — es wird doch nicht etwa eine Polizeistunde eingeführt in Heilingen?«

Aber auch der Wirth war die »Diener der Gerechtigkeit«, wie sie meist etwas poetisch genannt werden, gewahr geworden und ging auf sie zu, sich zu erkundigen was sie hierher geführt.

»Ein kleiner buckliger Mann soll hier heute Abend bei Ihnen sein,« sagte der Erste — »er ist aus dem Dollingerschen Geschäft.«

»Dort sitzt er in der Ecke,« sagte der Wirth vom Pechkranz nach Loßenwerder hinüberzeigend, »hat er etwas verbrochen?«