»Am hellen Tage,« bestätigte Leupold.
»Und weiß man nicht wer der Thäter ist?«
»Sie haben den einen Comptoirdiener in Verdacht und auch schon eingezogen,« sagte der Tischler.
»Gewiß den Loßenwerder,« rief Weigel.
»Ich glaube so heißt er — er ist ein wenig verwachsen — «
»Und schielt — derselbe, ich habe den Burschen von jeher nicht leiden können; hat mir auch schon ein paar Mal Kunden abspenstig gemacht, aus reinem Brodneid; ich wüßte wenigstens sonst nicht weshalb, und habe ihn dabei stark in Verdacht, daß er selber damit umgeht eine Agentur für Auswanderer zu errichten. Da könnte Jeder hergelaufen kommen, ohne Briefe, ohne Connexionen und ohne Kenntniß vom Land — schickte nachher die Leute in's Blaue hinein, daß sie dort säßen und nicht wüßten wo aus noch ein. Na nun, wird ihm [pg 133]das Handwerk wohl gelegt werden; ich gönne nicht gern einem Menschen etwas Uebles, aber bei dem freut mich's daß sie's wenigstens herausbekommen haben, und er seine Schurkerei nicht mehr heimlich forttreiben darf. Ist denn das Geld schon wieder gefunden?«
»So viel ich weiß nicht, einige hundert Thaler ausgenommen, von denen aber der Mann betheuert daß er sie sich gespart hätte; es ist übrigens Manches dabei zusammengekommen was ihn verdächtig macht; das Nähere weiß ich freilich nicht.«
»Hm, hm, hm,« sagte Herr Weigel, kopfschüttelnd den Brief, den er noch immer in der Hand hielt, anschneidend — »böse Geschichten — böse Geschichten, was man nicht Alles hört auf der Welt. — Nun wollen wir also einmal sehen was der Herr da aus Amerika schreibt — hm — Washington County, Tennessee den siebenten Januar 18 — alle Wetter der Brief ist lange unterwegs gewesen — Herrn F. G. Weigel in Heilingen, Hauptagent der Central-Auswanderungs- und Colonisations-Gesellschaft in Deutschland — ahem — Sie nichtsw — hm — Sie haben — hm — vor allen Dingen — hm — hm — hm — hm« — Herrn Weigels Gesicht verlängerte sich immer mehr, je weiter er in seiner, wie es schien nicht eben angenehmen Lectüre vorrückte, aber er brach mit dem Lautlesen des Inhalts, dessen Einleitung unerwarteter Weise höchst derber Art war, schon gleich nach den ersten Sylben ab, und murmelte, das Ganze nur flüchtig überfliegend, blos [pg 134]einzelne unzusammenhängende Worte, aus denen Leupold Nichts herausfinden konnte, vor sich hin.
»Nun, was schreiben sie?« sagte dieser endlich lächelnd; er wäre schon lange gegangen, wenn ihn Weigel nicht eben zurückgehalten hätte — »gute Neuigkeiten?«
»Bah!« sagte Herr Weigel, den Brief zurück auf seinen Schreibtisch werfend — »Jemand der seine Geschwister will hinübergeschickt haben und mich ersucht das Geld für ihn auszulegen. Da müßt' ich schöne Capitale herumstehn haben, wenn ich allen Leuten umsonst wollte die Familie nachschicken. Nachher sitzt der mitten im Land drin, und ich kann ihn dann suchen.«