»Klag nicht, Gottlieb,« sagte aber die Frau freundlich — »es geht noch Vielen schlechter wie uns, und was sollen da die ganz armen Leute sagen. Lieber Gott, es ist viel Noth in der Welt, und wer heut zu Tage eben sein Auskommen und ein Dach über dem Kopf hat und gesund ist, sollte sich nicht versündigen.«
Sie hatte dabei das Kind auf die Erde gesetzt, holte den Topf aus der Röhre, in der, trotz der vorgerückten Jahreszeit, noch ein Feuer brannte, der alten, fröstelnden Mutter wegen, und goß den darin heiß gehaltenen Kaffee — sie nannten das braune Getränk von gebrannten gelben Rüben und Gerste wenigstens so — in die eine braune Kanne, damit sich der Mann, der den ganzen Tag draußen im Regen herumgezogen war, daran erquicken könne. Zugleich auch deckte sie ein weißes Tuch über den Tisch, auf den sie noch Butter und Brod stellte, die versäumte Mittagsmahlzeit wenigstens in etwas nachzuholen. Der Mann setzte sich an den Tisch, schenkte sich eine Tasse Kaffee ein, in den ihm die Frau die Milch goß, und schnitt sich ein großes Stück Brod ab, das er mit Butter bestrich und verzehrte. Er sprach kein Wort dabei, und beendete still seine Mahlzeit, schob dann die Tasse und den Butterteller zurück, nahm das Kleinste, das die Mutter zu ihm auf die Erde gesetzt hatte, herauf auf sein linkes Knie, blieb, den rechten Ellbogen auf den Tisch gestützt, den Kopf gegen die Wand gelehnt, regungslos sitzen, und schaute still und schweigend nach [pg 142]dem Fenster hinüber, an das die Regentropfen immer noch, vom Wind draußen gepeitscht, hohl und heftig anschlugen.
Die Frau hatte ihn eine ganze Zeit lang mit scheuem Blick betrachtet; es war irgend etwas vorgefallen, aber sie wagte nicht zu fragen, denn Gottlieb, so seelensgut er auch sonst sein mochte, hatte doch auch seine »verdrießlichen Stunden« und war dann, wenn gestört, oft rauh und unfreundlich; aber eine eigene Angst überkam sie plötzlich. Ihr ältester Sohn — der Hans — war nicht mit zu Hause gekommen — konnte dem — heiliger Gott, wie ein Stich traf es sie in's Herz und sie sprang erschreckt von ihrem Stuhl auf und auf den Mann zu.
»Gottlieb — um aller Heiligen Willen wo ist der Hans? — es ist — es ist ihm doch nicht etwa ein Unglück geschehn?«
»Der Hans?« sagte der Mann aber ruhig und sah erstaunt zu ihr auf, »was fällt Dir denn ein? was soll denn dem Hans zugestoßen sein? ich habe Dir ja gesagt daß er bei Lehmann's etwas abgegeben hat, und dort wahrscheinlich das Wetter abwarten wird.«
»Ich weiß nicht,« sagte die Frau, der dadurch allerdings eine Centnerlast von der Seele gewälzt wurde — »aber Du bist so sonderbar heut Abend, so still und ernst, und da schlugs mir wie ein Schreck in die Glieder, über den Hans. Ist etwas vorgefallen Gottlieb? — «
Gottlieb schüttelte den Kopf langsam und sagte. — »Nicht daß ich wüßte — nichts Besonderes wenigstens, [pg 143]oder nichts Anderes, als was jetzt alle Tage vorfällt — Geld zahlen.«
»War es denn so viel?« sagte die Frau leise und schüchtern.
Der Mann schwieg einen Augenblick und sah still vor sich nieder; endlich erwiederte er seufzend:
»Das Schwein ist d'rauf gegangen, und vier Thaler Siebzehn Groschen sind immer noch mit Gerichtskosten und der alten Proceßgeschichte mit der Brückenplanke, mit der ich eigentlich gar Nichts mehr zu thun hatte, stehen geblieben, und ich muß sie bis zum ersten Juli nachzahlen, unter Androhung von Pfändung.«