»Nun lieber Gott,« sagte die Frau tröstend — »wenn das das Schlimmste ist, läßt sich's noch ertragen; da verkaufen wir eben das andere Schwein und behelfen uns so. Wie wenig Leute im Dorf haben überhaupt eins zu schlachten, und leben doch; warum sollen wir nicht eben so gut ohne eins leben können als die.«
»Ja,« sagte der Mann leise und still vor sich hin brütend — »verkaufen und immer nur verkaufen, ein Stück nach dem anderen, und während wo anders die Leute mit jedem Jahr ihr kleines Besitzthum vergrößern, und für ihre Kinder etwas zurücklegen können, sieht man es hier mehr und mehr zusammenschmelzen, unter Müh und Plack das ganze Jahr lang.«
»Aber kannst Du's ändern?« sagte die Frau leise und fuhr, wie der Mann schwieg und mit der Faust die Stirn [pg 144]stützend vor sich nieder starrte, schüchtern fort — »arbeitest Du nicht von früh bis spät fleißig und unverdrossen? gönnst Du Dir eine Zeit der Ruhe, wo Dich irgend eine nöthige Beschäftigung ruft, und haben wir uns etwa das Geringste vorzuwerfen?«
»Nein,« sagte der Mann, während er die Hand auf den Tisch sinken ließ und die Frau voll und fest ansah — »nein, aber das ist es ja eben, was mir am Leben frißt. Wir können nicht mehr arbeiten, nicht mehr verdienen wie wir jetzt thun, und jetzt sind wir noch jung und kräftig, unsere Kinder noch klein und gesund, und dennoch geht es mit jedem Jahr zurück, wird es mit jedem Jahr schlechter und schlimmer. Wie nun soll das werden, wenn uns erst einmal Krankheit heimsuchte, wenn die Kinder heranwachsen und mehr brauchen, wenn wir selber älter werden und nicht mehr so zugreifen können wie jetzt? — Schon jetzt können wir uns nicht mehr in der theueren Zeit oben halten — das eine Schwein ist verkauft, das andere wird noch fort müssen; unser Acker ist kleiner geworden in den letzten zehn Jahren, unsere Bedürfnisse aber sind gewachsen — wie soll das enden?«
»Aber Gottlieb,« sagte die Frau freundlich — »wie kommen Dir jetzt doch nur solche Grillen? haben Dir die paar Thaler Steuern den Kopf verdreht? Mann, Mann, Du bist doch sonst so ruhig, und hast immer vertrauungsvoll in die Zukunft gesehn, wie sind Dir auf einmal solche schwarze Gedanken durch den Sinn gefahren?«
Die alte Mutter hatte, schon so lange wie die Beiden [pg 145]mit einander gesprochen, ihr Spinnrad ruhen lassen, und dem Gespräch aufmerksam zugehört; dabei schüttelte sie fortwährend mit dem Kopf, und sagte endlich mit ihrer schrillen, scharf klingenden Stimme:
»Ja wohl, ja wohl — das Geld wird rar und das Brod theuer, und mehr Mäuler kommen — mehr Mäuler sind da zum Verzehren, wie zum Verdienen. Schlagt mich todt; schlagt mich todt daß ich weg komme aus dem Weg und Euch Platz mache — schlagt mich todt.«
»Mutter,« bat die Frau, in Todesangst daß sie dem Manne mit solcher Rede wehe thun würde, denn er gerade hatte sie immer auf das Freundlichste behandelt, und Alles gethan was in seinen Kräften stand, ihr jede Erleichterung, die ihr Alter bedurfte, zu verschaffen — »wie dürft Ihr nur so etwas reden; versündigt Ihr Euch denn nicht?«
»Wir haben noch genug für uns Alle Mutter,« sagte aber der Mann freundlich, der ihre Launen kannte und der alten Frau nicht wehe thun mochte — »nur für spätere Zeit ist mir bange; Sie aber wären die Letzte die darunter leiden sollte. Wir werden Alle alt, und wenn wir unsere Schuldigkeit in unserer Jugend gethan, wie Sie, dann ist es nicht mehr wie Pflicht und Schuldigkeit der Jüngeren für ihre Eltern zu sorgen — wenn sie nicht auch einmal wieder von ihren Kindern wollen verlassen werden.«
Die Alte war wieder still geworden, sah noch eine Zeit lang vor sich nieder, und begann dann auf's Neue ihre Arbeit, [pg 146]aber die Frau fuhr fort und sagte, fast mit einem leisen Vorwurf im Ton zu ihrem Mann.