»Siehst Du Gottlieb, das hast Du nun davon mit Deinen trüben und traurigen Ideen; Du machst Dir und mir und der Mutter nur das Herz schwer, und nützest und hilfst doch Nichts. Der liebe Herr Gott da oben wird's schon machen und lenken; Er hat die Welt so viele Jahrhunderte hindurch in ihrer Bahn gehalten, und die Menschen darauf geschirmt und gepflegt, wie unser Herr Pastor sagt, Er wird's auch schon weiter thun, und wir dürfen uns eigentlich gar nicht sorgen und kümmern um den »nächsten Tag.«

»Doch, doch Frau,« sagte aber der Mann, aufstehend und jetzt, die Hände in den Hosentaschen, in der Stube auf und ab gehend — »doch Frau, der Mann muß, denn wenn er's nicht thäte, wär er ein schlechter Hausvater, und ihm allein fielen dann all die schweren Folgen zur Last, die daraus entständen. Ich kann Dir das nicht so mit Worten deutlich machen, wie mir's neulich der Schulmeister, mit dem ich darüber sprach, erklärte, aber der meinte es wäre etwa so wie wenn Einer im Wasser wäre. Da sei es auch nicht genug daß man sich oben hielte an der Luft, und im Kreis herum schwämme eben nur nicht zu ertrinken, das thäte nicht einmal ein unvernünftiges Stück Vieh; nein des Menschen, des verständigen Menschen Pflicht sei es sich schon im Wasser nach dem festen Lande umzusehn, ob man das nirgends erreichen könne, denn zuletzt würde man da im Wasser, man möchte noch so tapfer schwimmen, doch müde, und ließen erst einmal die Kräfte [pg 147]nach, dann hülfe auch zuletzt das Schwimmen Nichts mehr, und man sänke eben langsam zu Boden.«

»Ich verstehe nicht recht was Du damit meinst,« sagte die Frau, »aber Du siehst mich so sonderbar dabei an — hast Du noch 'was anderes dahinter?«

»Nein und Ja,« sagte der Mann nach kleiner Pause, indem er sich mit dem Rücken an den Ofen lehnte, und langsam dazu mit dem Kopfe nickte, »eigentlich nicht, denn Gott da oben weiß daß es wahr ist, und weiß wie, und ob's einmal enden kann; aber dann — dann hab' ich allerdings noch was dahinter, denn ich meine — ich meine — « er schwieg und es war augenscheinlich, er hatte etwas auf dem Herzen, das er sich scheue so mit blanken klaren Worten heraus zu sagen, die Frau aber, die eben damit beschäftigt war das Geschirr hinaus zu räumen, setzte die Kanne wieder auf den Tisch, sah den Mann erstaunt an, ging dann langsam zu ihm an den Ofen und sagte leise, vor ihm stehen bleibend:

»Geh her, Gottlieb — Du hast 'was, was Dich drückt und willst nicht mit der Sprache heraus — es ist irgend noch etwas vorgefallen in der Stadt, was Du nicht sagen magst. Du darfst doch nicht sitzen

»Sitzen? — weshalb?« lächelte der Mann kopfschüttelnd — »ich habe nie etwas Böses gethan.«

»Nun was ist's denn, so sprich doch nur, denn Du ängstigst mich ja mehr mit Deinem Schweigen, als wenn Du mir das Schlimmste gleich vornheraus erzählst — dem Hans fehlt doch Nichts?«

[pg 148]»Was soll dem Hans fehlen, närrische Frau — wenn's aufhört zu gießen wird er schon kommen.«

»Und was ist's denn? — gelt, Du sagst mir's?«

»Ich muß Dir's wohl sagen;« seufzte der Mann, »nun sieh Hanne, ich meine — ich habe so darüber nachgedacht, daß es jetzt hier in Deutschland immer schlechter wird mit uns — und daß wir's zu Nichts mehr bringen können, trotz aller Arbeit, trotz allem Fleiß, und daß jetzt — daß jetzt doch so viele Menschen hinüber ziehen — «