»Auswandern? ja,« sagte aber jetzt die Großmutter, mit dem Kopfe nickend und schüttelnd, als ob sie den schrecklichen Gedanken wieder von sich abwerfen wollte — »ja wohin es euch lüstet, aber erst wenn ich todt bin. Die paar Tage müßt Ihr noch hier bleiben die ich noch zu leben habe, oder sonst schlagt mich todt, werft mich in's Wasser, oder schlagt mich mit dem Beil auf den Kopf daß ich fortkomme, und hier auf dem Kirchhof unter der alten Linde liegen kann, wo der Leberecht liegt. In der Welt könnt Ihr mich doch nicht mehr umherschleppen, und nutz bin ich auch Nichts mehr, wie das mit zu verzehren was andere verdienen. Wenn Ihr jetzt fort wollt schlagt mich vorher todt.«

[pg 151]»Ach Mutter wenn Sie nur nicht gar so häßlich reden wollten,« sagte die Frau traurig, während der Mann wieder zum Tisch ging, sich dort auf den Stuhl setzte, und den Kopf in die Hand stützte — »Sie sind noch wohl und rüstig und werden, will's Gott, noch manches Jahr leben und sich Ihrer Kinder freuen. Wo die dann hin ziehen und sich ihr Brod suchen müssen, da gehören Sie auch hin, und was die verdienen, das haben Sie auch verdient mit Mühe und Noth und banger Sorge schon vor langen Jahren, wie wir noch klein und unbehülflich waren, wie unsere Kinder jetzt.«

»Wozu mich mitnehmen,« sagte aber die Frau, störrisch dabei mit dem Oberkörper herüber und hinüber schwankend, »unterwegs müßtet Ihr mich doch aus dem großen Schiff hinaus in's Wasser werfen, die Fische zu füttern. Bleibe im Lande und nähre Dich redlich, das ist mein Spruch und meines Leberecht Spruch von alter Zeit her gewesen, und wir haben uns wohl dabei befunden, aber das junge Volk jetzt will immer alles anders haben, will oben zur Decke 'naus und fliegen und schwimmen, anstatt hübsch auf der Erde und im alten Gleis zu bleiben. Warum ist's denn früher gegangen? — nein Gott bewahre, jetzt soll Alles mit Eisenbahnen und Dampf gehen und keine Geduld, keine Ausdauer mehr; nur fort, immer gleich fort, in die Welt hinein und mit dem Kopf gegen die Wand — schlagt mich todt, dann seid Ihr mich los und könnt hingehn wohin Ihr wollt.«

Und die alte Mutter stand auf, rückte ihr Spinnrad bei[pg 152] Seite, und humpelte, noch immer vor sich hin murmelnd und grollend, aus der Stube hinaus.

»Sie meint es nicht so bös, Gottlieb,« sagte die Frau zu dem Mann tretend und ihre Hand auf seine Schulter legend, »es ist eine alte Frau die an ihrer Heimath mit ganzem Herzen hängt und sich vor der Reise fürchtet.«

»Und Du nicht, Hanne?« rief der Mann sich rasch nach ihr umdrehend, und ihre Hand ergreifend — »Du nicht? Du würdest Dich dazu entschließen können unsere Heimath hier, unser Häuschen, unser Feld zu verlassen, und mit mir und den Kindern über das weite Meer zu fahren, in eine fremde Welt?«

Die Frau schwieg und ihre Hand zitterte in der des Mannes — endlich sagte sie leise — »So weit fort? — und muß es denn sein, ist es denn gar nicht möglich mehr, daß wir hier gut und ehrlich durchkommen durch die Welt, wenn wir uns auch ein Bischen knapper einrichten wie bisher? Ach Gottlieb, es ist gar hart so von zu Hause fortzugehn, die Thür zuzuschließen und zu denken daß man nun nie und nimmer wieder dahin zurückkommt — «

Der Mann nickte traurig mit dem Kopf und sagte endlich:

»Du hast recht Hanne; es ist ein schwerer, recht schwerer Schritt, und man sollte ihn sich wohl vorher überlegen ehe man ihn thut, denn zurück kann man nicht wieder, wenn man nicht wenigstens Alles opfern will, was Einem bis dahin [pg 153]noch zu eigen gehört hat. Thun wir aber recht nur allein an uns zu denken? — Sieh, wir schleppen uns vielleicht noch wenn auch kümmerlich, doch ehrlich, durch, bis wir einmal sterben, und wenn es auch hart ist, daß es Einem nachher im Alter schlechter gehn soll wie in der Jugend, brauchten wir doch gerade keine Furcht zu haben daß wir verhungerten; aber die Kinder — die Kinder — was wird aus denen? Unser kleines Grundstück ist die Jahre über kleiner und kleiner geworden; mit dem Geschäft geht's auch kümmerlicher wie bisher — neue, geschicktere Arbeiter, junge Burschen die noch keine Familie haben und weniger brauchen, sitzen in den Dörfern herum, und die Fabriken und Maschinen geben uns ohnedies den Todesstoß. Stahl und Holz braucht Nichts zu essen und arbeitet unermüdet Tag und Nacht durch, und die Räder und Walzen und Hämmer klopfen und drehen und schwingen ununterbrochen fort gegen den Schweiß des armen Arbeiters der darüber zu Grunde geht. Ich murre auch nicht darüber, es muß wohl schon so recht sein, denn Gott hat's den Menschen selber gelehrt und die Welt muß vorwärts gehn — wir älteren Leute können uns aber eben nicht mehr darein schicken, können nichts Anderes mehr ergreifen, und wieder von vorne anfangen, wenigstens hier im Lande nicht wo Einem die Hände nach allen Seiten hin gebunden sind, und darum ist mir der Gedanke gekommen auszuwandern. Da drüben über dem Weltmeere hat der liebe Herr Gott noch einen großen gewaltigen Fleck Erde liegen, für uns arme Leute bestimmt, den Maschinen und Räderwerken zu entgehn; dort haben wir[pg 154] Platz uns zu bewegen, und wer nur da ordentlich arbeiten will hat nicht allein zu leben, sondern kann auch vielleicht für sich und die Kinder was vorwärts bringen und braucht sich nicht mehr vor der Zukunft zu fürchten und vor Hunger und Noth. Wenn wir nicht auswandern, was bleibt unsern Kindern da einmal anders übrig, als in Dienst zu gehn und sich bei fremden Leuten doch herumzuschlagen ihr Lebelang.«

»Und die Mutter?« sagte die Frau, sich ängstlich nach der Thüre umsehend — »was würde aus der alten Frau auf dem Meere?«