»Ach Du lieber Gott,« sagte die Frau bedauernd — »so ein armer Wurm müßte ja elendiglich umkommen.«

»Bis den Nachbarn das Geschrei zu arg würde und sie kämen und es fütterten,« lachte der Andere.

[pg 159]»Dafür haben die Kinder Eltern,« sagte die Frau, das kleine, die Aermchen zu ihr ausstreckende Mädchen liebkosend und küssend, »die sorgen schon dafür daß kein Nachbar danach zu sehen braucht.«

»Wenn die aber einmal plötzlich stürben, wie dann?« frug der Fremde, mit einem Seitenblick auf die Frau, indem er seinen Rock wieder zuknöpfte und sich zum Gehen rüstete.

»Dann ist Gott im Himmel,« sagte Hanne, mit einem frommen vertrauungsvollen Blick nach oben.

»Ja, das ist wahr;« sagte der Fremde mit einem leichtfertigen Lächeln, »der hat allerdings die große Kinderbewahranstalt. Aber es hat wirklich aufgehört mit Gießen,« unterbrach er sich rasch, »den Augenblick will ich doch lieber benutzen. So schön Dank für gegebenes Quartier Ihr Leute, und gut Glück.«

»Bitte, Ihr habt für Nichts zu danken, behüt' Euch Gott,« sagte Gottlieb freundlich.

»Behüt' Euch Gott;« sagte auch die Frau, und der Mann, ihnen noch einmal zunickend, nahm draußen wieder den nassen Mantel um, drückte sich den breiträndigen Hut in die Stirn, griff einen derben Knotenstock, der daneben in der Ecke lehnte, auf, und verließ rasch das Haus, die Richtung nach der Schenke einschlagend.

»Mich freut's daß er fort ist,« sagte die Frau, die dem Knaben gerade das Essen auf den Tisch setzte und den Kaffee einschenkte — »bewahr uns Gott, was hatte der Mann für ein finstres Gesicht und ein barsches Wesen; nicht schlafen [pg 160]könnt' ich die Nacht, wenn ich den unter einem Dach mit mir wüßte. In dem Gesicht liegt auch nichts Gutes — und wie er fluchte und über die Kinder sprach — ob er nur wirklich selber welche hat.«

»Er sagt's ja,« bestätigte Gottlieb — »aber mir schien's ein Fleischer zu sein, seinem Gewerbe nach, und die sind immer rauh und derb, meinen's aber nicht immer so bös.«