»Und Kühe und Hühner schaffen wir uns an!« rief Marie,[pg 177] »und die Kühe melken wir selber und machen Butter und Käse.«

»Wie gut,« sagte Anna, daß wir im vorigen Jahr auf dem Land bei der Tante waren, und dort das Alles zum Spaß gelernt haben; jetzt wird es uns nützen.«

»Aber nicht wahr, Mütterchen, nun weinst Du auch nicht mehr,« rief Marie, zur Mutter hinübergleitend, ihren Arm um deren Nacken legend und sie küssend — »drüben wird schon Alles hübsch werden. Und ein paar von den großen Holzschuhen nehm' ich mir mit, wie sie die Bauern tragen, für draußen bei nassem Wetter; hei wie wir da herumpatschen wollen und schaffen und arbeiten; und plätten thun wir auch selbst, dafür nimmst Du kein Mädchen mehr.«

Den frohen, leichten Herzen schwammen schon die gewaltigen Umrisse ihrer ganzen fernen, so ungewissen Zukunft, in den einzelnen bunten Kleinigkeiten zusammen, die ihrem Geist, von dem Reiz der Neuheit mit frischem Duft überhaucht, entstiegen. Nur die Lichtpunkte erspähte der, in die Ferne arglos hinausschauende Blick, und die goß er sich lustig zusammen zu einem Ganzen: was dahinter lag, der düstere Hintergrund, den das erfahrenere Mutterauge wohl erkannt, diente ihnen nur dazu die einzelnen Lichter stärker hervorzuheben, deutlicher erkennen zu können, und der Himmel spannte sich blau und rein über ihren glücklichen Häuptern.


[pg 178]

Capitel 8.

Der Tanz im rothen Drachen.

Drei volle Monat waren nach den, in den vorigen Capiteln betriebenen Scenen verflossen, und der Diebstahl im Dollingerschen Hause zu Heilingen, der eine ganze Woche lang fast das alleinige Stadtgespräch gebildet, wurde kaum noch erwähnt. Der vermuthete Dieb (gegen den aber allerdings nachträglich keine weiteren Beweise aufgefunden worden), war zwei Tage nach dem Sturz von der Brücke an seiner Kopfwunde gestorben; er hatte die beiden Tage vollkommen bewußtlos gelegen, und kein Wort mehr gesprochen. Das übrige Geld aber — außer den zweihundert und einigen Thalern — wie die vermißten Pretiosen, konnten, trotz den genausten Nachforschungen nirgends aufgefunden werden, und hatte er es wirklich gestohlen, so ließ sich jetzt gar nichts Anderes vermuthen, als daß er es irgendwo an einer heimlichen Stelle vergraben, und außer Sicht gebracht habe.

[pg 179]Actuar Ledermann hatte dabei ganze Actenstöße über den Fall geschrieben — man wußte wirklich nicht wo er nur den Stoff dazu herbekommen; aber mit dem üblichen Canzleistyl wurde die Sache, der jede gründliche Vorlage mangelte, nach Möglichkeit gereckt und ausgedehnt und dann, als sich Nichts weiter darüber ergab, mit starkem Bindfaden umschnürt und etiquettirt, um später vielleicht, mit Jahreszahl und Nummer versehn, in irgend ein staubiges Gefach geschoben zu werden, dort ein Jahrhundert fortzuträumen, — wie der Verstorbene unter dem Rasen, dicht an der Kirchhofsmauer, an die er, ohne Sang und Klang damals, noch vor Tag, still und heimlich hinausgeschafft worden.