Die Geistlichkeit von Heilingen hatte dem Unglücklichen allerdings sogar dies »ehrliche Begräbniß« versagen und den Körper der Anatomie überantworten wollen, da er unter dem Verdacht eines schweren Diebstahls und gewissermaßen als Selbstmörder seinen Tod gefunden — was kümmerte die stolzen Geistlichen die duldende Liebe die Christus gelehrt, wo ihre Autorität Gefahr leiden konnte gekränkt zu werden, und sie hatten einmal verordnet, daß solchen Sündern ein »christliches Begräbniß« versagt werden solle; aber die Polizei war milder und verständiger als die »Diener des Höchsten« und erklärte den Tod des Armen für keinen Selbstmord, indem er nur »auf der Flucht« umgekommen, während wahrscheinlich der ihm beigegebene Wächter die allerdings unschuldige, und nicht zur Verantwortung zu ziehende direkte Ursache, seines Todes gewesen sei.
[pg 180]Aber fort — fort mit den traurigen Bildern; das menschliche Leben hat der dunklen Seiten so viele, und sie drängen sich uns doch auf, wohin wir gehen — nur der Augenblick gehöret uns, und nicht muthwillig wollen wir den Schmerz suchen. So mag mir der Leser denn noch einmal zum rothen Drachen hinaus folgen — es dauert vielleicht lange, ehe wir den Platz wieder zu sehn bekommen — und dort tönt heut fröhliche Musik aus dem hellerleuchteten Saal des großen Hauses, der mit Guirlanden und Blumen und jungen Birkenreisern festlich geschmückt ist, indeß ihn eine muntere, laut und lustig durcheinander wogende Schaar belebt.
Kaum eine Viertelstunde — oder eine »halbe Pfeife Tabak«, wie die Bauern sagten — vom rothen Drachen entfernt, lag Schloß Hohleck an der anderen Seite des nämlichen Hügelrückens, das gegenüber liegende Thal überschauend, und der Besitzer desselben, Graf von Hohleck, feierte heute die Vermählung seines ältesten Sohnes, der dabei das Gut selber übernahm, und nun seinen Leuten dem Tag zu Ehren ein Fest »in der Schenke« gab. Bier und Branntwein waren dabei zu freier Verfügung gestellt, und ein starkes Musikchor aus der Stadt engagirt worden, den Leuten die ganze Nacht hindurch zum Tanze aufzuspielen — und sie machten Gebrauch davon.
Aber auch aus Heilingen selber hatten sich eine Menge Gäste eingefunden, dem muntern Leben und Treiben der fröhlichen Menschen zuzuschauen, und während der untere Gartensaal einzig und allein den Dienstleuten des Rittergutes einge[pg 181]räumt war, zu dem den Stadtleuten jedoch gastlich der Zutritt gestattet wurde, hatten sich die letzteren noch besonders in einem paar der kleineren Stuben festgesetzt, wo sie ihren Wein oder ihr Bier tranken oder auch eine Parthie spielten, die Zeit auszufüllen.
Zu den Gästen aus der Stadt gehörten auch mehre unserer alten Bekannten, unter ihnen Kellmann und Schollfeld, zwei Stammgäste des rothen Drachen. Ledermann war ebenfalls, wenn auch später, herausgekommen und ihnen hatte sich noch der Auswanderungsagent Weigel — sehr zum Aerger Schollfeld's, der ihn nicht ausstehen konnte — zugesellt. Weigel blieb aber nicht ruhig an ihrem Tisch sitzen, sondern ging ab und zu, und hatte sein Glas nur mit bei ihnen stehn, gewissermaßen seinen Platz zu belegen.
Ledermann war übrigens heute sehr still und niedergeschlagen, er hatte sein einziges Kind vor etwa vierzehn Tagen verloren, und schien sich das sehr zu Herzen zu nehmen, erklärte auch nur herausgekommen zu sein, sich ein wenig zu zerstreuen und die Gedanken los zu werden, die ihn in der Stadt drin peinigten.
Uebrigens war ihm in den letzten Tagen höchst unerwarteter Weise eine kleine Erbschaft von 600 Thalern zugefallen und Schollfeld, der heute Abend außergewöhnlich gut aufgeräumt schien, versuchte jetzt sein Bestes des Freundes Grillen oder trübe Gedanken ebenfalls zu verscheuchen.
»Hören Sie einmal Ledermann,« begann er, mit dem Deckel seines Kruges klappend und mehr Bier verlangend — »wie [pg 182]ist denn die Geschichte nun mit den 600 Thalern? — beiläufig gesagt schneiden Sie ein Gesicht dabei, als ob Sie Schwefelsäure verschluckt hätten.«
»Er hört nicht einmal,« sagte Kellmann, als der Actuar kein Wort darauf erwiederte, und die Anrede in der That gar nicht verstanden zu haben schien — »Ledermann, Mensch, wo sind Sie jetzt mit Ihren Gedanken, im rothen Drachen bei Heilingen, im Monde, oder in Amerika?«
»Wo?« sagte der Actuar, rasch und fast verstört aufschauend, als aber die Anderen laut lachten, schüttelte er mit dem Kopf und seinen Krug nehmend und trinkend sagte er ruhig und ernst: