»Aber lieber Ledermann, Sie dürfen sich Ihrem Schmerz um das Kind nicht so ganz und rücksichtslos hingeben; lieber Gott ich begreife daß es ein schwerer, recht schwerer Verlust ist, aber Gott hat's gegeben und Gott hat's genommen, und wer weiß ob dem kleinen lieben Wesen dadurch nicht vielleicht ein recht trübes und schmerzliches Dasein erspart wurde.«
»Es ist nicht das Kind, Kellmann,« sagte aber der Actuar, leise mit dem Kopf schüttelnd, »nicht der Tod meiner kleinen Adele nagt mir jetzt am Herzen, obgleich der da oben weiß wie weh er mir gethan — nein, ich halte ihn sogar unter den jetzigen Verhältnissen, in denen ich lebe, für ein Glück, und es ist furchtbar, daß ich gezwungen bin so etwas von dem Tod meines eigenen, einzigen Kindes zu sagen.«
»Aber was, um Gottes Willen, haben Sie denn?« rief Kellmann, verwundert vor ihm stehen bleibend und ihn [pg 191]anschauend. »Irgend etwas ist vorgefallen, aber was? — etwa wieder zu Hause der alte wunde Fleck?«
Ledermann nickte finster und schweigend mit dem Kopf.
»Aber was will sie denn eigentlich,« rief Kellmann finster die Brauen zusammen und seinen Arm aus dem des Freundes ziehend, um besser gesticuliren zu können — »Wetter noch einmal, Ledermann, Sie hätten da schon lange ernst und entschieden auftreten sollen, die Sache ist jetzt schon viel zu weit eingerissen, und die Frau bringt sie, wenn das so fort geht, wahrhaftig noch unter die Erde.«
»Ernst und entschieden auftreten? — lieber Gott,« stöhnte der Actuar kopfschüttelnd — »soll ich mir denn die letzte leiseste Hoffnung auf einen, nur möglichen Hausfrieden selber muthwillig vernichten? — Sie haben gut reden; Ihr Geschäft ist in Ihrer eignen Wohnung, und Ihre Erholung gestattet Ihnen, die außerhalb desselben zu suchen, ich aber sitze und schwitze den ganzen lieben ausgeschlagenen Tag auf dem verwünschten Bureau, und komme ich dann Abends zu Hause, und sehne mich nach einer halbstündigen gemüthlichen Ruhe, so beginnt die Frau, und wenn sie eine Ursache aus der Luft greifen sollte, mir das Leben zu einer Hölle zu machen. Lieber Gott, es fiele mir ja gar nicht ein Abends in ein Wirthshaus zu gehn, wenn ich Frieden daheim hätte; es giebt vielleicht wenig Menschen in der Welt, die sich so nach einem stillen, häuslichen Leben sehnen, wie gerade ich, und keinen, Kellmann, keinen weiter, dem es so verbittert, so gänzlich aus dem Fen[pg 192]ster geworfen wird, jeden Abend wieder von Frischem, wie gerade mir.«
»Aber was ist denn nur vorgefallen?«
»Das Ganze ist mit wenig Worten erzählt,« sagte der Actuar nach kurzer Ueberlegung entschlossen, »und Sie sollen mir rathen, wie ich im Stande bin mich einem Zustand zu entziehn, der mir unerträglich wird. Sie haben gehört daß ich von einem entfernten Verwandten sechshundert Thaler geerbt, die ich in den nächsten Wochen ausgezahlt bekomme. Das Vernünftigste nun wäre das Geld in irgend einem sichern Staatspapier, oder in guten Actien anzulegen, und mit den wenigen, aber gewissen Zinsen meinen, überdies ärmlichen Gehalt zu erhöhen — ich habe fünfhundert Thaler jährlich und weiß bei Gott oft nicht wie ich auskommen soll.«
»Nun gut, das ist ja Alles so schön und glatt wie es nur sein kann.«
»Jawohl, aber meine Frau besteht darauf das Capital ihrem Bruder geben zu wollen, der ein Geschäft hat und mir fünf Procent verspricht.«