»Wenn ich sie erfüllen kann, — « sagte Marie doch so leise, daß die Laute kaum zu Georgs Ohren drangen.

»Den kleinen Rosenstock,« fuhr Georg fort, »den, wie Sie wissen, mir die Mutter mitgegeben, und der mir unendlich lieb und theuer ist, muß ich zurücklassen, bis ich selber eine feste Stätte habe, ihn zu pflanzen. Schon einmal war ich gezwungen, ihn in New-Orleans fremden Händen zu übergeben, und hatte gehofft — darf ich ihn Ihrer Obhut überlassen?«

»Ich will ihn treulich aufbewahren,« flüsterte Marie.

»Dank Ihnen, tausend Dank — wie weh mir selber jetzt der Abschied thut, — « fuhr er dann traurig fort, »darf ich Ihnen wohl nicht erst sagen. Ich hatte auch den heutigen Tag noch hier bleiben, Ihre Freude, wenn auch nicht theilen, doch nicht stören wollen — ich fühle aber jetzt, daß ich es nicht einmal gekonnt; ich habe mir mehr Stärke zugetraut, als ich besitze — leben Sie wohl mein Fräulein und — denken Sie manchmal freundlich an Ihren alten Reisegefährten zurück, der die Stunden zu den schönsten zählen wird, die er in Ihrer Nähe verleben durfte — leben Sie wohl.« —

Marie reichte ihm die Hand, ohne den Kopf nach ihm umzudrehen, nicht ein Wort brachte sie dabei über die Lippen und Georg fühlte wie die Hand die in der seinen ruhte, zitterte. Er hielt sie viele Secunden lang fest, hob sie, als ob er sie an die Lippen drücken wollte, ließ sie wieder sinken, und wie mit einem raschen, wenn auch theuer genug erkämpften Entschluß sie frei lassend, wandte er sich, und schritt den Weg zurück, der zu dem Hause führte.

Marie drehte sich nach ihm um — ihr Mund öffnete sich, aber kein Laut kam über ihre Lippen; wieder kehrte sie sich von ihm ab, und während die hellen, bittern Thränen an ihren Wangen niederrollten, schritt sie dem Walde zu.


Der Mittagstisch versammelte wie gewöhnlich die Familienglieder um die lange Tafel — nur Georg Donner fehlte. Sein Couvert lag aufgedeckt, aber Anna nahm, als sich die Gäste setzen wollten, den Stuhl fort und den Teller mit Messer und Gabel vom Tisch.

»Wo steckt denn Donner eigentlich?« frug Hopfgarten, der das Zimmer schon flüchtig mit den Augen überflogen hatte, und den jungen Mann gerade suchte.

»Er läßt sich heute Mittag durch mich entschuldigen,« sagte die Frau Professorin, einen schüchternen Blick dabei nach ihrem Mann hinüberwerfend; dieser schien jedoch die Frage überhört zu haben und fing schon an die Suppe auszuschöpfen. Nur Theobald war aufmerksam geworden, und frug die Frau Professorin ob sie nicht wisse, wo Donner sei, und ob er vielleicht nach dem Lusthaus hinausgegangen wäre. Ein dunkler Verdacht stieg in ihm auf, daß sich der junge Mann auch bei der Festlichkeit, über die er mit eifersüchtigem Auge wachte, betheiligen könne, und am Ende gar die Tischzeit, wo er wußte, daß er ungestört blieb, benutzt habe, hinauszugehn. Die Frau Professorin beruhigte ihn aber darüber, und Theobald hatte bald andere Sachen im Kopf, ihn das wieder vergessen zu machen.