Herrn von Hopfgartens Abenteuer.
Hopfgarten erreichte nach einem kurzen und nicht unangenehmen Ritt das kleine Städtchen Hollowfield, von dem er aber im Anfang wirklich glaubte er sei wieder nach Grahamstown gekommen, so glich eins dem anderen. Nur das Wirthshausschild war anders: das scheußliche Brustbild irgend einer menschlichen Figur mit großer Allongenperrücke und in eine blaue Uniform eingeknöpft, dessen Unterschrift, den innerlich gewiß sehr verehrten, hier äußerlich aber traurig mishandelten Namen »George Washington« trug.
Zur rechten Zeit war er übrigens eingetroffen, denn die mailcoach oder Postkutsche stand gerade ausgefahren vor dem »Washington Hotel«, und in ein ledernes Behältniß, das hinten an dem etwas unbehülflich aussehenden Fuhrwerk angebracht war, wie vorn in den Kasten unter dem Kutschenbock (von den Engländern Stiefel genannt) waren ein paar junge Burschen eben beschäftigt kleine Koffer, Reisesäcke, Hutschachteln und andere Passagierübliche Gegenstände einzuschieben, und — wenn sie sich nicht gutwillig dem beschränkten Raum fügen wollten — mit den Füßen hineinzutreten.
Diese Postkutsche hielt in ihrem Innern neun Personen; acht Passagiere waren schon eingeschrieben, von denen jedoch außer ihm, nur zwei bis Vincennes fuhren, und nachdem der Deutsche sein Passagegeld bezahlt, hatte er die Genugthuung seinen eigenen Reisesack auf dieselbe Art und Weise behandelt zu sehn, wie das Gepäck seiner Postgefährten.
Mit etwas mistrauischen Blicken betrachtete er übrigens gleich von Anfang an dieses ihm noch neue Amerikanische Beförderungs-Mittel, das allerdings, mit seinen Schwestern in Europa verglichen, Manches zu wünschen übrig ließ. Stark genug schien übrigens der Kasten gebaut, auch den schwersten Wechselfällen ihrer Fahrt wacker zu begegnen. Die »Federn« bestanden aus Streifen roher Haut, und die Kutsche selber hatte nur, wie Herr von Hopfgarten bei näherer Besichtigung fand, eine einzige Thüre in der linken Seite. Drei Sitze waren im Inneren angebracht, jeder für drei Personen, wobei die mittelsten Passagiere auf eine bewegliche und ebenfalls in Rohhaut hängende Bank zu sitzen kamen, und ihre Rücken gegen einen anderen breiten ledernen Riemen legen durften. Statt der Polster in den Ecken — die Thür hatte eine Glasscheibe — hingen an den Seiten lederne Gardinen herunter, die nach Gefallen der Passagiere auf- und niedergelassen werden konnten.
Soweit war Alles gut, beim Einsteigen, was natürlich für sämmtliche Passagiere nur durch die eine Thür geschah, fand sich aber daß Hopfgarten, als letzter Passagier, den mittelsten Platz auf der mittelsten Bank bekommen hatte, und dadurch natürlich jedes Anhaltepunktes für seinen Kopf beraubt war. Er mußte denselben fortwährend in der Schwebe halten, und durfte nur hoffen in eine Ecke zu kommen, wenn einige der anderen Reisenden, die nicht ganz mit bis nach Vincennes fuhren, ausstiegen. Die Pferde waren vorgespannt, die Passagiere kletterten in ihre Sitze, der Deutsche als Vorletzter, der Schlag wurde zugeworfen. »All right!« rief der Hausknecht, oder ein dem ähnliches Individuum, das sich aber sonst sehr unabhängig zu fühlen schien, die vier munteren, ziemlich gut gehaltenen Rappen zogen an, und mit einem furchtbaren Stoß, der schon die Güte des ledernen Rückbandes probte, in Gang gebracht, rasselte der Wagen plötzlich unter dem Jubel der jugendlichen Bevölkerung von Hollowfield in voller Flucht zu dem kleinen Ort hinaus und in den Wald hinein.
Dem Leser, der noch nie in einer Amerikanischen Postkutsche gefahren, auch nur einen Begriff der stoßweisen Bewegung, selbst nur stoßweise beizubringen, wäre unmöglich, und Hopfgarten dankte schon nach der ersten Viertelstunde Gott, daß ihm in Hollowfield keine Zeit gelassen worden eine ordentliche Mahlzeit zu sich zu nehmen, er hätte sonst Höllenqualen ausstehen müssen.
Einer anderen Unannehmlichkeit entging er aber nicht; das Ausspucken der Amerikaner hatte er schon seit seiner ersten Dampfbootfahrt bemerkt, und es war ihm fatal gewesen, ohne daß es ihn weiter belästigte; hier aber, in dem engen Raum des Kutschkastens kam er mit den Leuten in so nahe Berührung, daß er dem ekelhaften Gebrauch nicht mehr aus dem Wege gehen konnte, und bald zu seinem Entsetzen fand, wie er sich wirklich in eine höchst fatale Lage muthwilliger Weise hineingebracht hatte. Daß die übrigen Passagiere durch das offene Fenster des Schlags ein ziemlich regelmäßiges Feuer von ausgespritztem Tabackssaft unterhielten, durfte ihn natürlich nicht in Erstaunen setzen, er war auch darauf, wenn auch nicht in dem Grade, vorbereitet gewesen. Das genirte ihn also weiter nicht, er schloß die Augen und überließ sich dabei, bis er sich etwas mehr daran gewöhnt haben würde, seinen eigenen Gedanken, aber der unglückselige Passagier zu seiner rechten, der mit ihm auf ein und demselben Bret saß, wie der in der vorderen rechten Ecke — und der letztere fast noch mehr als der erste — brachten ihn bald zur Verzweiflung. Die guten Leute nämlich, lange ungeschlachte Hoosier,[17] die überdieß nicht wußten was sie mit ihren Beinen anfangen sollten, mußten, da das Leder an ihrer Seite niedergeschnallt war, schräg an ihm und über ihn wegspucken, das Wagenfenster zu erreichen, und wenn auch der Mittelpassagier im Anfang versuchte zwischen ihren beiden Knieen den Boden zu treffen, so war das noch eher schlimmer als das erste. Hopfgarten konnte jedoch nie den geringsten Grund zur Klage bekommen, denn auch nicht das kleinste Spritzchen traf ihn, so geschickt dirigirten die Burschen den braunen Saft wohin sie ihn wollten. Aber trotz dieser, in der nächsten Stunde vielleicht sechzig Mal gemachten Erfahrung, mußte er unwillkürlich nach jeder neuen Expectoration an sich hinunter sehn, um sich von dem status quo seines Rockes und seiner Beinkleider zu überzeugen, bis er endlich — der Mensch stumpft zuletzt selbst gegen Tabackssaft ab — eine mitgenommene wollene Decke um sich her zog und diese preisgebend sich fest vornahm auf Nichts weiter zu achten.
Sämmtliche Passagiere schienen Farmer aus der Umgegend oder aus Vincennes zu sein — selbst ein Quäker, der sich zwischen ihnen befand — die theils zum Viehhandel, theils zu anderen derartigen Zwecken den Ohio und dessen kleine Ansiedlungen zwischen Cincinnati und der Mündung des Wabasch besucht hatten. Das Gespräch drehte sich dabei, zwischen dem Spucken und Rasseln und Schütteln des Wagens, einzig und allein um Rinder und Schweine, Maispreise und »was Mehl und Whiskey werth waren.« Die Gegend blieb sich ebenfalls ziemlich gleich, Wald wohin das Auge reichte, nur dann und wann von kleinen Ansiedlungen unterbrochen, die sich immer schon auf einige Zeit vorher durch den schlammigen Weg bemerkbar machten. Es mußte hier überhaupt mehr geregnet haben als am Fluß, oder regnete vielmehr noch, wie ihnen bald einzeln niederkommende Schauer bewiesen. Die Wege, die dann und wann über kleine offene und natürliche Wiesenflecke — erste Ausläufer der Prairieen — führten, wurden immer weicher und unwegsamer, und der rüstige Galop mit dem ihre Fahrt begonnen, schrumpfte zuletzt zu einem zähen Schritt zusammen, in dem die keuchenden Pferde das unbehülfliche Fuhrwerk durch den schweren Lehmboden fortschleppen mußten.
Hie und da hielten sie an kleinen dürftig genug aussehenden Wirthshäusern an, irgend eine Erfrischung die stets mit Brandy in allen möglichen Formen und Mischungen gewürzt wurde, zu sich zu nehmen, sonst aber ging die Fahrt ununterbrochen rasch vorwärts, und die verschiedenen Kutscher, mit stets guten Pferden, thaten wirklich ihr Möglichstes weiter zu kommen.