Als Hopfgarten endlich im Sattel saß, und sein Führer den Eingang zur Fenz niedergelegt hatte, daß die Reiter hinauskonnten, standen Lobensteins in der Thür ihres Hauses, und winkten ihm noch ein letztes Lebewohl nach. Marie war schon an der Arbeit gewesen und stand hochaufgeschürzt, mit aufgestreiften Ärmeln, neben dem kleinen Viehhof in dem ihre Melkkühe eingesperrt waren.

»Und grüßen Sie mir Clara viel tausendmal!« rief sie ihm nach.

»Und sie soll recht, recht bald schreiben,« bat Anna noch.

»Ich werde Alles bestellen,« winkte Hopfgarten zurück, schwenkte noch einmal den Hut gegen sie, und galopirte dann, seinem Thiere die Sporen eindrückend, rasch den schmalen Weg entlang, der gen Hollowfield führte.


Der Brief Mariens, den er in seiner Brieftasche für Clara mit sich trug, lautete:

»Meine liebe gute Clara!«

»Wenn Dich diese Zeilen erreichen, hast Du Dich hoffentlich ganz wieder erholt, und bist wieder das frohe, heitere Wesen, das Du warst, als wir zusammen das Schiff betraten.«

»Uns geht es hier recht gut; Vater hat eine Farm in Indiana, nur einige englische Meilen von dem schönen Fluß Ohio gekauft, und wenn wir uns auch jetzt noch ein wenig behelfen müssen, wird es später desto freundlicher werden.«

»Früher hatten den Platz Amerikaner inne, aber Du glaubst gar nicht, Clara, wie ihn die zugerichtet hatten; mit Körben und Schaufeln haben wir den, überall in die Ecken gekehrten Schmutz zum Hause hinaus und auf das Feld getragen, und unter dem Dach auf den Queerbalken, wo einzelne Breter lagen, fanden wir den Staub fingerdick und schon ganz hart geworden. Vater läßt aber jetzt ein anderes bauen; von den Arbeitern, die wir angenommen haben ist Einer Maurer, und will uns das Ganze ordentlich herstellen.«

»Wir besitzen jetzt schon zwei Pferde, vier Zugochsen, acht Kühe, drei Kälber, elf Hühner und vier Truthühner; Anna, die das Milchwesen überkommen, hat schon einmal gebuttert, und in vierzehn Tagen denken wir unsere erste Butter nach der Stadt — freilich ein kleines erbärmliches Nest — zu verkaufen. Wir haben zwar noch eine andere Stadt, Hollowfield — die erste heißt Grahamstown und liegt am Ohio — irgendwo im Lande drin in der Nähe, die wird aber auch nicht besser sein als die erste, und der Weg dorthin soll sehr schlecht sein. Wir arbeiten jetzt aber sehr viel; um fünf Uhr wird aufgestanden, und da haben wir vollauf zu thun bis es dunkel wird; ja die Tage vergehn uns dabei nur immer noch zu schnell. Anna hat sich hier recht erholt und ist munterer als sie auf dem Schiff war, auch Camilla wird dick und fett, und muß ebenfalls schon mit zufassen, die Hühner füttern, in der Küche mit aufwaschen helfen, und allerlei kleine Arbeiten thun. Wir haben allerdings die Webersfamilie, die zufällig auf demselben Dampfboot mit uns stromauf ging, in Dienst genommen, und auf ein Jahr engagirt, und eigentlich sollte uns die Frau die Küche besorgen; die hat aber jetzt so viel mit den Arbeitern zu thun, und mit Scheuern und Waschen, daß sie noch nicht dazu kommt. Wenn wir nur erst einmal weniger Arbeiter brauchen wird das schon besser werden.«

»Eduard fühlt sich ganz glücklich hier; er ist jetzt auf einen Entdeckungszug, wie er es nennt, in das Innere; wenn er aber zurückkommt muß er auch tüchtig mit zufassen; denn faule Leute können wir hier nicht brauchen — hier muß Alles arbeiten.«

»Die Lage unserer Farm ist reizend; in einem kleinen Thalkessel, von nicht sehr hohen aber dicht bewaldeten Hügeln umgeben, liegen wir wie mitten in der Wildniß, und sind doch ganz dicht an civilisirten Gegenden. Ein kleiner Bergbach mit klarem Wasser läuft kaum zwanzig Schritt am Haus vorbei. In dem allerdings sehr verwilderten Garten stehen dabei eine Menge junger Pfirsich- und Quitten- und Apfelbäume, die einmal später gute Früchte tragen werden, im Walde wachsen eine Unmasse wilder Brombeeren, und überhaupt viele andere Fruchtbäume mit wildem Wein, die ich Dir in meinem nächsten Briefe näher beschreiben werde, denn jetzt hab' ich sie selber noch nicht aufsuchen können.«

»Mit unserem Englisch geht es noch sehr schwach, und die Nachbarn, der Eine in Grahamstown ausgenommen der uns den Platz verkaufte und ein Pennsylvanier ist, sprechen gar nichts Anders wie Englisch, und wir radebrechen dabei schön mit ihnen herum; da wir aber lauter deutsche Arbeiter haben, können wir das Englisch jetzt noch eine Weile entbehren.«

»Mutter ist leider die letzten Tage unwohl gewesen und hat das Bett hüten müssen; das ganz neue fremde Leben hat sie auch wohl mehr angegriffen als uns, die wir noch jung sind und uns gerade keine Sorgen machen. Im Anfang hat sie sogar immer verweinte Augen gehabt — wenn sie es auch vor uns verbergen wollte, wir haben es doch gemerkt. Jetzt aber, da sie sieht daß es vorwärts geht, findet sie sich schon besser hinein, und im nächsten Jahre wird hoffentlich Alles gut sein.«

»Vater ist jetzt ganz glücklich; er ist von früh auf bei der Hand, und zeichnet und mißt aus und ordnet an, und wenn er sich auch manchmal mit den Leuten zankt, die Vieles nicht so machen wollen wie er es für gut befindet, so bekommt ihm die kleine Aufregung doch ganz gut, denn er wird dick und fett dabei, und sieht wohl und munter aus.«

»Aber jetzt genug von uns; mich und uns Alle drückt die Sorge wie es Dir in Deinem neuen Leben geht, mein Herz, und ob Du Dich von Deiner Krankheit vollständig erholt. Herr von Hopfgarten, der Dir viel von uns erzählen wird, hat uns freilich versprochen Dich selber aufzusuchen, und uns genauen Bericht abzustatten, aber wir möchten auch von Dir selber es schriftlich sehn daß es Dir gut geht, bis Dein lieber Mann sein Wort hält, und Dich zu uns bringt. Wir freuen uns unendlich darauf, und bis dahin sind wir auch schon besser eingerichtet als jetzt. Unsere Adresse schreibe ich Dir hier unten ganz genau. Wie geht es denn Hedwig, ist sie froh und gesund?« —

»Doch ich muß jetzt schließen, draußen kommen die Leute mit der einen Kuh, die uns fortgelaufen war, und nach der sie schon den ganzen Tag gesucht haben, in der Küche ist auch so viel zu thun, daß ich nicht länger hier sitzen darf; ich wollte Dich nur wenigstens wissen lassen wie es uns geht. So lebe recht wohl, grüße Deinen lieben Mann und Hedwig recht freundlich von uns Allen, wie mir auch Alle für Dich viel tausend Grüße aufgetragen haben, und gedenke manchmal freundlich

Deiner Marie.«

Capitel 9.