Dem Professor gefiel es ungemein hier, wo er ein ganz neues frisches Feld für seine Thätigkeit gewonnen, und in Stand gesetzt war, das, was er bis dahin in Deutschland nur theoretisch betrieben, endlich einmal im praktischen Leben ausführen zu können. Er versprach sich dabei Außerordentliches von den hier neueinzuführenden Systemen, mit denen er den Amerikanern, die nur so oberflächlich in's Blaue hineinarbeiteten, einmal beweisen wollte wie man eine solche Farm, nach allen Zweigen und Richtungen hin, ausbeuten und verwerthen könne. Er hatte großartige Pläne in dieser Mannigfaltigkeit, über die er sich aber jetzt noch nicht näher auslassen und Herrn von Hopfgarten damit überraschen wollte, wenn derselbe sie im nächsten Sommer, wie er das fest versprochen, wieder besuchen würde. Bis dahin mußte schon viel in Angriff genommen und geschehn sein.
Die Frau Professorin war leidend; sie hatte sich in dem ungewohnt luftigen Aufenthalt sehr erkältet. Dazu war der Ärger mit einem kürzlich in's Haus genommenen und gleich wieder fortgeschickten Amerikanischen Mädchen gekommen, dessen Eltern sich jetzt gekränkt glaubten, und dem Vater schon einige unangenehme Auftritte gemacht hatten; sie hütete deshalb das Bett, um sich in dem jetzt eintretenden kälteren Wetter keinem Rückfall auszusetzen.
Hopfgarten beabsichtigte, als er Cincinnati verließ, ein paar Tage bei Lobensteins zuzubringen, ehe er seine Reise fortsetze; er hatte die Familie lieb gewonnen, und nahm wirklich Theil an ihrem Wohlergehn. Wie er aber jetzt hier die Zustände fand, mit kaum Platz für sich selber die Nacht zu schlafen, hielt er es doch für besser schon am andern Tag wieder aufzubrechen, und seinen Besuch lieber das nächste Mal, wenn sie vollständig eingerichtet sein würden, länger auszudehnen.
Zu gleicher Zeit konnte er sich aber auch eines unbehaglichen Gefühles, dem er trotzdem keinen rechten Ausdruck zu geben wußte, nicht erwehren; die ganze Art, wie der Professor seine Ansiedlung in Angriff nahm, schien ihm nicht die rechte; die vielen deutschen Arbeiter, die so wenig von der hiesigen Art zu bauen und Feld zu bestellen wußten, und nebenbei ein schmähliges Geld kosten mußten; die vielen Pläne, die der gewiß sehr gelehrte, aber vielleicht gar nicht so praktische Mann auf einmal hatte; das Spatzierengehn des Sohnes selbst, eine Kleinigkeit an und für sich, aber doch von Bedeutung hier, wo es im Hause eben noch Alles zu thun gab — er sträubte sich gegen das Gefühl so viel er konnte, aber es war ihm immer als ob da nicht Alles so in Ordnung sei, wie z.B. bei dem deutschen Bauer Rohrberger, den er bei Cincinnati getroffen, und konnte nur jetzt hoffen daß er sich irre, und Professor Lobenstein die Sache viel besser verstehe als er es ihm, wenn er recht aufrichtig sein wollte, zutraute.
Nur Marie war heiter wie immer, lachte über die Masse von kleinen Unbequemlichkeiten die sie auszustehen hatten, und freute sich wie ein Kind auf die nächste Zeit, wo ihre Hühnerzucht heranwachsen und ihr Garten erst in Ordnung sein würde. Bis dahin hatte sie freilich noch ein wenig zu thun; aber der nächste Sommer mußte das, nach Vaters Versicherung, auch Alles beendet sehn. Wenn nur erst einmal das Haus stand, denn das war für jetzt die Hauptsache, und in der That auch der Punkt, um den sich jede weitere Hoffnung für Bequemlichkeit und Wohnlichkeit drehen mußte.
Marie hatte übrigens, trotz all dem Wirwarrr in dem sie Hopfgarten antraf, doch Zeit gefunden den versprochenen Brief an Clara Henkel zu schreiben. Eine nähere Adresse wußte sie freilich nicht darauf anzugeben, als das St. Charles Hotel, das Henkel selber dem Professor als sein nächstes Domicil, bis er eine eigene Wohnung würde in Stand gesetzt haben, bezeichnet hatte; das genügte aber auch, und war er von da wirklich schon ausgezogen, so konnte er weiter erfragt werden. Überhaupt mußte ja auch die Firma selber leicht aufgefunden werden können.
Übrigens wünschte Hopfgarten die Reise nach St. Louis nicht gern, wie er gekommen, zu Wasser fortzusetzen; es lag darin etwas gar zu monotones, und er bekam auch auf die Weise das Land wirklich gar nicht zu sehen; aber wie das anders anfangen? Reiten sagte seiner Constitution nicht besonders zu; er hatte sich an dem einen Tag bei Cincinnati schon einen solchen Denkzettel im Sattel geholt, daß er drei Tage danach nicht ordentlich gehen konnte, und war deshalb auch nicht im Stande eine längere Tour auszuhalten — zu Fuß wäre noch viel weniger möglich gewesen und Eisenbahnen existirten noch nicht; was nun anfangen? — Der Professor erzählte ihm da, daß er unter anderen Annehmlichkeiten seines Platzes auch die hätte rühmen hören, in kaum fünf Meilen von der Farm eine nach St. Louis vorbeigehende Postverbindung zu haben, die eben all die kleinen, im Inneren liegenden Orte berührte, und eigentlich nach Vincennes am Wabasch bestimmt schien, von wo aus sie dann weiter durch Illinois, gerade West nach St. Louis lief, und auch wohl, wenn er nicht sehr irre, schon theilweise mit einer Eisenbahn in Verbindung stand.
Hier war eine Aushülfe, auf einer Amerikanischen Post zu fahren überdieß schon etwas Neues und Interessantes, und ging dieselbe vielleicht gar mehrmals die Woche, konnte man auch leicht an einem, des Bleibens werthen Platz ein paar Tage anhalten, von da kleine Ausflüge in die Nachbarschaft machen, und mit der nächsten Post weiter fahren. Die nächste Poststation war also Hollowfield, etwa fünf Meilen von Lobensteins Farm gelegen; die Postkutsche selber lief, als Speculation eines Privatunternehmers, von irgend einer kleinen Stadt am Ohio nach Vincennes hinauf, wo sie mit der Vereinigten Staaten Post, die von Cincinnati nach St. Louis ging, zusammentraf und wieder zurück fuhr, während die letztere die mitgekommenen Passagiere weiter zu befördern hatte. Sein Koffer konnte indeß, wie er sich das auch gedacht, hier stehen bleiben bis er selber wieder in New-Orleans angekommen war, die nothwendigsten Sachen hatte er auch schon in einen Reisesack gepackt, und der Professor, der ihn unter den jetzigen Umständen gar nicht nöthigen konnte länger bei ihm zu bleiben, versprach ihm am nächsten Morgen zwei Pferde mit einem Mann zu besorgen, der ihn, nebst seinem Reisesack sicher nach Hollowfield geleiten konnte.
Als Hopfgarten am nächsten Morgen nach eingenommenem Kaffee die Farm verließ, sah er die Deutschen draußen beschäftigt theils im Wald abgesägte Stämme mit Ochsen herbeizuschaffen, theils schon hergebrachte zu behauen. Er blieb, bis die Pferde gebracht wurden, bei ihnen stehn und schaute ihnen zu, aber Alles was sie anfaßten ging ihnen nur langsam von Händen; sie arbeiteten, wie es schien, sehr akkurat, aber mit keiner Idee von dem Werth der Zeit hier in Amerika. Es waren Tagelöhner, die nur eben auf anständige Weise ihren Tag von Mahlzeit zu Mahlzeit durchzuschleppen hatten, und jede Anstrengung, die sie dabei ihrem Körper ersparen konnten, galt natürlich für reinen Gewinnst; daß der Professor ihnen dabei ihren vollen Lohn bezahlte, verstand sich von selbst.
Der Weber, als auf dem Schiff gelernter Zimmermann, hatte die Leitung des Ganzen überkommen und that allerdings sein Möglichstes; der Professor hielt mit Recht große Stücken auf ihn. Dem Weber waren aber auch im Anfang die vielen verschiedenen Arbeiter nicht recht gewesen, die Einem ja, seiner Äußerung nach, »die Haare vom Kopf fräßen« — wann hätte aber da das Haus fertig werden sollen? —