»Das?« hauchte sie mit kaum hörbarer, trostloser Stimme — »das Olnitzkis Haus? — das der Aufenthalt meiner armen Schwester? — «

»S'ist eben nur eine Waldwohnung« sagte der Jäger verlegen lächelnd — »mein eigen Haus ist eben nicht viel besser, und Olnitzki will, glaub' ich, auch ein anderes bauen; unser Klima hier verlangt es aber kaum anders, und zum bloßen Staat wäre die Mühe hier ebenfalls weggeworfen. Doch wollen wir nicht hinangehen?«

»Nein — bitte, lassen Sie mich vom Pferd« bat Amalie — »es ist nur eine kleine Strecke — ich will von hier zu Fuß gehn — ich — ich möchte gern — «

»Ich kann mir denken daß Sie die Schwester nach so langer Abwesenheit allein zu begrüßen wünschen« sagte der Jäger freundlich, indem er dabei seine Büchse an die Fenz lehnte, und sie mit starkem Griff aus dem Sattel hob; »ist's Ihnen recht, so gehe ich indeß zurück und hole mein Wildpret. Ich weiß nicht ob Olnitzki gerade frisches Fleisch im Hause hat, und da er jetzt Besuch bekommen, wird ihm ein Theil davon vielleicht willkommen sein. Wild giebt's hier noch genug im Wald, aber es trifft sich nicht immer daß man gerade zum Schuß kommt wenn man etwas nothwendig braucht, und besser ist besser. Sie können übrigens nicht mehr fehlen; der Pfad hier führt Sie, an der Fenz entlang, bis vor die Thür; das Meiste Ihrer Sachen wird auch bald eintreffen, und das Übrige bringe ich Ihnen morgen früh.«

Er war bei den letzten Worten in den Damensattel gesprungen, und ohne einen Dank der Fremden abzuwarten, drückte er dem Thier die Hacken in die Seite und sprengte, von den Rüden gefolgt, rasch zurück in den Wald, der sich im nächsten Augenblick schon wieder hinter ihm schloß.

Fräulein von Seebald blieb allein zurück, und brauchte noch Minuten, ehe sie sich soweit sammeln konnte, der Schwester gefaßt entgegenzutreten. Aber was zögerte sie auch hier, was fürchtete sie? — hatte denn der Jäger nicht vollkommen recht, und durfte sie mitten im Wald etwas anders erwarten als die Wohnung eines Jägers? Auch Rosemores wohnten in einem eben so unscheinbaren, vielleicht etwas höheren Blockhaus, und wie freundlich, wie wohnlich sah es bei denen aus. Es war unrecht von ihr, sich solch kindischem Kleinmuth in einem Augenblick hinzugeben, wo sie ihr weitgestecktes Ziel endlich erreicht, und in den Armen der Schwester wollte und mußte sie ja bald jede solch thörichte Furcht verscheucht, vernichtet sehn.

Dort lag die Wohnung, und dorthin trug sie jetzt, in Freude und Sehnsucht zitternd, der Fuß; an der Fenz hin, manchmal noch durch niederes Gestrüpp und Unkraut das den Boden dicht bedeckte, oder auch über niedergebrochene Stämme und Äste hin, lief und kletterte sie, von den weiten Kleidern oft gehalten, in immer wachsender Ungeduld, und erreichte endlich den kleinen freien, von zahmem Vieh zertretenen und etwas schmutzigen Platz unmittelbar vor der Hütte, die in die Fenz hineingebaut lag. Hier sah sie auch das erste lebende Wesen, denn bis jetzt hatte ihr nur der blaue Rauch die Nähe von Menschen verrathen —eine Frau, in einem ordinairen weiß-baumwollenen Rock — der selbstgewebte Stoff der Backwoodsfrauen — die vor der Thür der Hütte stand und das zu Mittag wahrscheinlich gebrauchte Geschirr in einem hölzernen Troge reinigte. Gott sei Dank, da war Jemand den sie erst fragen konnte ehe sie das Haus betrat, und mit auf dem weichen Boden geräuschlosen Schritten zu ihr hinangehend sagte sie, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehn, mit lauter Stimme, aber in Englischer Sprache:

»Guten Tag madame,[9] könnt Ihr mir sagen ob die Gräfin — ob Mrs. Olnitzka zu Hause ist?«

Die Frau drehte sich nach ihr um und sah ihr starr und regungslos in die Augen, erwiederte aber kein Wort — sie mußte die Anrede nicht verstanden haben.

»Entschuldigt mich liebe Frau« sagte die Fremde, den Blick dabei unruhig nach der Thür der Hütte werfend, als ob sie von dort in jeder Secunde die Gestalt der Schwester zu sehn erwarte — »ich bin fremd hier — eben erst angekommen und suche die Dame der dieß Haus gehört.«