Die Frau hob langsam die Hände auf — ihr Blick erst erstaunt und erschreckt, wurde immer stierer und wilder, und während das Geschirr das sie darin gehalten ihren Fingern entfiel, streckte sie plötzlich wie abwehrend die Arme von sich, und den bleichen Lippen entrang sich das Wort »Amalie!«
»Heiliger — allmächtiger Gott!« schrie Amalie, in diesem Augenblick von jähem Schreck getroffen, während sie ihre Stirn mit beiden Händen hielt und die vor ihr stehende Frau anstarrte, als ob ein Geist vor ihr dem Boden entstiegen wäre — »Sidonie!« und die Arme nach ihr ausstreckend umfing sie wie krampfhaft die bleiche, zitternde schmächtige Gestalt. —
»Meine Sidonie — mein liebes liebes Herz« flüsterte sie dabei in ängstlich liebkosender Hast, ihr die blassen eingefallenen Wangen streichelnd und in vergehendem Schmerze fast, die abgehärmten an sie geschmiegten Glieder fühlend, »mein armes verlassenes Kind« — aber sie vermochte nicht mehr zu sagen, und auch die Schwester hing lautlos — schluchzend in ihren Armen.
Aber Sidonie faßte sich zuerst wieder, und gewaltsam die Bewegung zwingend der sie sich im ersten Augenblick wohl unwillkürlich, unbewußt selbst, hingegeben, strich sie die Haare aus der marmorweißen und fast eben so kalten Stirn, und die Schwester leise auf Armeslänge von sich pressend, schaute sie ihr voll und zärtlich in die thränengefüllten Augen, und sagte mit leiser und so unendlich weicher Stimme:
»Amalie — oh wie Dein lieber Anblick meinen Augen so wohl thut — aber wo kommst Du her — Mädchen, um Gottes Willen, was hat Dich aus Deutschland herüber in den Wald gebracht — Du — Du bist doch nicht — «
»Herübergekommen Dich zu sehen und zu küssen« rief aber die Schwester, sie von Neuem an sich ziehend — »Du böse böse Frau schreibst ja doch nicht mehr, und da wir nicht länger ohne Nachricht von Dir leben konnten, gab der Vater endlich meinen dringenden Bitten nach und ließ mich ziehen, Dich selber aufzusuchen. — Aber Sidonie — um Gottes Willen, Du bist krank — Du siehst bleich und elend aus, und strengst Dich dann dabei noch übermäßig an mit unnützer Arbeit — was lässest Du die Magd das nicht besorgen?«
»Die Magd?« sagte die Frau verlegen wehmüthig lächelnd.
»Nun ja, Herz, oder Einen Deiner Leute — lieber Himmel ich habe Dich ja gar nicht wieder erkannt, als ich Dich traf, so blaß, so abgemagert siehst Du aus — daß wir Dich doch nie fort von uns gelassen hätten. Aber wo ist Dein Mann? — wo Dein Kind? und hier — hier drinnen in dem kleinen Häuschen wohnst Du wirklich Sommer und Winter?«
»Olnitzki ist hinaus auf die Jagd gegangen, aber ich erwarte ihn heute zurück, und mein armer kleiner Oscar schläft — es war recht schwer, recht schwer krank, das Kind. — «
»Ich hörte es schon am Weg« sagte Amalie — »aber Du erwartest Deinen Mann heute von der Jagd zurück? — bleibt er denn da über Nacht auch aus?«