Es war Theobald, der darin viel Ehrgefühl besaß, unangenehm, sich von einem so gänzlich fremden Mann gleich an Champagner traktiren zu lassen; gleichwohl hatte er so viel schon von Amerikanischem Leben gesehn daß er wußte, es wäre eine Unhöflichkeit gewesen mit Jemand mit dem man, von ihm aufgefordert, ein Schenkhaus betreten hat, nicht zu trinken. Ebenso bezahlt auch stets der, der die Getränke fordert, für sich oder für so viele wie mit ihm trinken. Das Einzige was ihm zu thun übrig blieb war, sich bei einem nächsten Begegnen zu revangiren — aber auch hierbei genirte ihn der Champagner.

An der Sache ließ sich aber für jetzt Nichts mehr ändern; die Flasche war gebracht und mußte getrunken werden, und Theobald, selbst in einiger Aufregung über das was er bis jetzt von Amerikanischem Leben, von seinem Standpunkt aus betrachtet, gesehn, goß mit einem gewissen Wohlbehagen ein Glas nach dem anderen des feurigen Tranks hinunter.

Sein neuer Bekannter machte sich selber indessen ein Vergnügen, und zog über die Vereinigten Staaten los, von denen er dem armen jungen Dichter ein Bild entwarf, daß diesem angst und bang zu Muthe wurde. Seiner Beschreibung nach, und er behauptete das Land durch und durch zu kennen, bestand die eine Hälfte der Bewohner aus Räubern, und die andere aus Spitzbuben, die nicht allein wie die Mosquitos gemeinschaftlich über die armen Einwanderer herfielen, und sie aussögen so lange sie noch einen Blutstropfen in sich trügen, sondern auch, wenn sie mit denen fertig wären, einander selber angriffen und auffräßen. Gesetze gab es dabei gar nicht, die Geschworenen Gerichte waren nur zum Schein da, und die, die ihnen in die Fäuste liefen, gleich von vorn herein verloren — das deutsche Gerichtsverfahren war Gold gegen diesen Auswurf der Menschheit. Bestechlichkeit herrschte dabei bis zum äußersten, wobei er selber als glänzendes, mit Füßen getretenes Beispiel da stand, indem er nur aus dem einzigen Grund keine brillante und seinen Fähigkeiten angemessene Stellung erlangt, weil er es verschmäht, für unter seiner Würde gehalten, einen einzigen Dollar zu einem solchen Zwecke auszugeben. Und selbst die Bauern waren übel dran, trotz den lügenhaften Berichten, die Amerika freundliche, das heißt demokratische, rothrepublikanische Zeitungen in Deutschland darüber ausstreuten. Wenn die »Schaafsköpfe« hätten in Deutschland so arbeiten wollen, wie sie hier arbeiten mußten, so würden sie es — seiner Meinung nach — auch zu 'was gebracht haben, aber jetzt, da sie gezwungen wären die faulen Knochen zu regen, nur um nicht zu verhungern, thäten sie auf einmal als ob ihnen der Staar gestochen wäre, und sie nun das gelobte Land gefunden hätten —Brummköpfe die es wären, wenn sie die Lüneburger Haide oder sonst einen noch brach liegenden anständigen Fleck in Deutschland so in Angriff nähmen, könnten sie sich auch Farmen darauf gründen und dann, statt hier vogelfrei zu sein, unter glücklichen Gesetzen, unter einer väterlich für sie sorgenden Regierung darauf leben.

Herr Dr. Heindel hatte sich so in Gift und Bitterkeit hineingesprochen, daß er sich den Rest der Flasche in sein Glas stülpte, und dieses auf einen Zug leerte, dann aufstand und seinen Hut ergreifend in die Tasche fühlte die Flasche zu bezahlen, wegen der sich ihm der barkeeper schon freundlich genähert hatte.

»Ja mein junger Freund,« sagte er dabei, an Theobald wieder hinuntersehend bis sein Blick an dessen Knieen haftete und diesen ebenfalls dort hinunterschielen machte — »ja mein junger Freund, nehmen Sie sich besonders vor diesen verwünschten Amerikanern in Acht, und wenn Sie es irgend können, wenn es Ihnen Ihre Mittel nur halbwege erlauben, so schiffen Sie sich wieder so rasch Sie können nach Deutschland ein; lieber trockene Brodrinde dort, mit vaterländischem Quell- oder Brunnenwasser, als Champagner hier, in diesem Gottvergessenen Lande — Donnerwetter,« unterbrach er sich dabei in alle seine Taschen fühlend, »jetzt habe ich mein Portemonnaie zu Hause auf meinem Schreibtisch liegen lassen — ei das ist mir doch ungemein fatal — ah lieber Freund, bitte legen Sie diese Flasche doch einmal bis heute Nachmittag für mich aus; — Sie logiren?« —

»Im Weißeschen Kosthaus,« sagte dieser etwas überrascht und verlegen.

»Sehr schön — ich kenne das Weißesche Kosthaus, da sind wir ja halbe Nachbarn — wohne kaum drei Thüren von Ihnen entfernt; desto besser — und nun was ich Ihnen noch sagen wollte« — er hatte wieder denselben schon vorher in Beschlag genommenen Westenknopf gefaßt — »stecken Sie Ihr Manuscript in den Ofen — «

»Aber mein bester Herr Doktor — «

»Stecken Sie Ihr Manuscript in den Ofen,« rief aber Herr Dr. Heindel in einiger Aufregung, »die Lumpe hier sind nicht werth daß sie einen ordentlichen deutschen Originalaufsatz bekommen — hol sie der Böse — sie glauben daß sie einem Schriftsteller noch einen Gefallen thun, wenn sie ihre Setzer nur nach einem Manuscript arbeiten lassen, da diese gewohnt sind fast nur schon Gedrucktes zu setzen. Und dann schiffen Sie sich ein — schiffen Sie sich ein so rasch Sie können« — er war mit seinen Augen wieder bis zur Weste in die Höhe gefahren. — »Amerika ist ein vortreffliches Land für Taback und Baumwolle, für Mosquitos und Alligatoren, für Räuber und Diebe; aber für einen gebildeten Mann, für Jemand, der weiß was er sich und seiner Nationalehre als deutscher Bürger schuldig ist, paßt Amerika gerade so gut, wie — wie der Knopf hier,« setzte er hinzu, als er das unglückliche Stück Perlmutter endlich wirklich abgedreht hatte, »zu dem Kehrichthaufen da« — und mit den Worten schleuderte er, ehe Theobald danach greifen konnte, oder in der That eine Ahnung hatte was der exaltirte Mensch damit anfangen wollte, den besagten Knopf wirklich auf einen, unfern der Thür liegenden Kehrichthaufen in der Straße; dann aber Theobalds Hand rasch ergreifend und freundlich schüttelnd rief er ihm noch zu: »Guten Morgen lieber Freund — guten Morgen — ich komme heut' Nachmittag hinüber zu Ihnen, die Kleinigkeit mit Ihnen abzumachen,« und verschwand gleich darauf um die nächste Ecke.

»Aber mein Knopf,« rief Herr Theobald, und wollte auf den Kehrichthaufen zueilen, sein Eigenthum wiederzusuchen, als ihm der Kellner den Weg vertrat und freundlich sagte: