»Würde Ihnen auch wenig helfen, verehrter Herr, würde Ihnen verdammt wenig helfen — ich habe selber darin verwünscht bittere Erfahrungen gemacht. Ja stehlen — stehlen thun sie; diese nichtswürdigen Hallunken von Zeitungsredakteuren, wo sie die Hand an irgend etwas Gedrucktes legen können, aber Manuscript bezahlen, irgend etwas selbstständig Vernünftiges mit baarem Gelde kaufen? — Gott bewahre!«

»Es sind das eigenthümliche Verhältnisse« stammelte Theobald, der nicht mit Unrecht um seinen Westenknopf besorgt war, und mit Schrecken daran dachte daß er hier in Amerika nicht einmal wieder einen passenden zu dem ausgesucht schönen halben Dutzend bekommen würde. Aber trotzdem hatte er nicht den Muth sich von der arbeitenden Hand des wunderlichen Fremden zu befreien, der ihm wieder unverwandt auf den Rockkragen sah — er mußte da irgend einen Fettfleck, oder wenigstens eine Spinne sitzen haben.

»Eigenthümliche Verhältnisse?« rief aber Herr Heindel entrüstet, und stieg mit seinen Augen bis zu Theobalds Halsbinde auf — »Spitzbübereien sind's, nichtswürdige erbärmliche Gaunereien, unter denen ordentliche, anständige Menschen aus ihrer Heimath fort nach dem vermaledeiten Amerika gelockt werden, bis sie hier sind, in der Falle drin sitzen und nicht wieder hinaus können. Hol der Teufel das ganze Amerika, so viel sag ich, und alle die Canaillen dazu, die dicke Bücher zu dessen Lobe schreiben — ich wünsche ihnen weiter Nichts als daß sie wieder herüber müßten.«

»Aber sollte es denn wirklich so schlecht hier sein?«

»Schlecht? — erbärmlich, hundsföttisch sag ich Ihnen« rief der Mann, ganz eifrig über das Thema werdend, »arbeiten, immer nur arbeiten ist die Losung, und zwar arbeiten mit den Fäusten, als ob alle Menschen als geborene Holzhacker auf die Welt gekommen wären — Kopfarbeit wird hier gar nicht gerechnet, Gott bewahre, und die Deutschen hier, sind nun gar die erbärmlichste Nation die sich ein Mensch auf der Welt denken kann. Glauben Sie daß das Volk in irgend einer Proceßsache einen deutschen Advocaten anstellt, so lange sie einen Amerikanischen Lumpen bekommen können? — Gott bewahre, nicht d'ran zu denken, und dabei quälen sie sich mit ihrem nichtswürdigen Englisch ab, radebrechen, daß man glaubt die Kinnladen gehen ihnen dabei entzwei, und lassen sich nachher anschmieren nach Noten.«

»Ja, das hab' ich auch gehört« seufzte Theobald, durch seine bisherigen regelmäßig verunglückten Versuche seine Manuscripte in Geld zu verwandeln, doch nach und nach ängstlich gemacht, »daß man unvernünftig arbeiten müsse um hier ehrlich in Amerika durchzukommen.«

»Ja und was für Arbeit« rief Herr Heindel, »draußen im Wald Büsche ausroden und Bäume umschlagen, an denen ein einzelner unverheiratheter Mann eine halbe Woche hacken kann, und hier in der Stadt Straßen fegen, hinter der Bar stehn und Schnaps ausschenken, Zeitungen herumtragen, Zettel ankleben, bei irgend einem schmierigen Handwerker als Handlanger in Dienst gehn, oder gar unten an der Levée Fracht mit helfen aus- und einladen, Porkfässer heraufrollen und Kaffee- und Reissäcke wieder hinunterschleppen bei 32 Grad Hitze; das sind so die verschiedenen Beschäftigungen, denen die Holzköpfe den Namen ehrliche Arbeit geben. Arbeit schändet nicht sagen sie dabei; das dank' ihnen der Teufel; auch noch schänden — wenn sie nicht schändet ruinirt sie aber die Knochen, und unter Arbeit verstehen gebildete Leute nicht bloß mit der Mistgabel und der Schaufel wirthschaften, sondern eher noch sein Gehirn zum Besten der Menschheit anstrengen, und für das Volk, jenes tollpatschige Ungeheuer das nun einmal seine halbe Lebenszeit an den Tatzen leckt, zu denken, zu überlegen. Glauben Sie daß neulich so ein erbärmlicher Schuft von Amerikanischem Advocaten, dem ich ein Compagniegeschäft anbot und ihm meine deutsche Praxis dafür einzubringen versprach — ich habe sie auch bis jetzt nur erst versprochen bekommen — mir die Compagnieschaft vor der Nase abschlug, aber die Frechheit hatte mir eine quasi Schreiberstelle bei sich anzutragen?«

»Es ist doch kaum denkbar« sagte Theobald, dessen Gedanken übrigens mehr bei seinem bedrohten Knopfe, als bei der dem deutschen Advocaten gemachten schändlichen Zumuthung geweilt hatten.

»Allerdings« rief Herr Heindel — »aber« fuhr er dann in allem Eifer und jetzt jedenfalls auf seinem Steckenpferde reitend fort — »was ist denn auch Amerika für ein Land, für wen ist es und zu was? für unsere tölpischen Bauerjungen von daheim, die sich nicht anders glücklich fühlen, als wenn sie mit aufgestreiften Ärmeln den ganzen Tag in Schmutz und Arbeit wühlen können, und es nicht besser haben wollen und dürfen. Wenn die Canaillen nur ein oder zwei Mal Fleisch den Tag und keine Schläge kriegen, sind sie oben auf, und lassen sich mit Vergnügen politisch knechten und unter die Füße treten. Das Gesindel ist zu Allem zu gebrauchen, und glauben Sie daß da ein Deutsches oder Amerikanisches Blatt ein Einsehn hätte, und ein paar hundert Dollar daran wenden möchte dieses Volk einmal aufzuklären über ihre Pflichten als Staatsbürger, wenn sie nun doch einmal in einer solchen leidigen Republik leben wollen und müssen? fällt ihnen nicht ein — besser wissen wollen sie, was man ihnen sagen könnte — besser wissen und gescheuter sein wie Leute, die ihre Lebenszeit darauf verwandt haben ein staatliches Leben zu übersehen und in die Speichen mit kundiger Hand einzugreifen. Arbeiten — arbeiten — es thäte bei Gott Noth daß man sich noch zwischen den Irländern als Straßenkehrer anstellen ließe, und mit dem Besen in der Hand umherliefe, sein »tägliches Brod« auf den Trottoirs zusammenzukehren. Na lassen Sie mich nur erst wieder einmal nach Deutschland zurückkommen, das Amerika werde ich ihnen anstreichen; eine Lebenszeit verwende ich darauf es schlecht zu machen. Aber kommen Sie Freund« brach er plötzlich kurz ab, und faßte Theobald unter den Arm, »wir wollen uns nicht über diese Amerikanischen Jämmerlichkeiten und Lumpereien unnützer und thörichter Weise ärgern; ändern können wir's doch nicht, und bessern wollen sich die Lumpe ja nicht lassen. So gehn Sie da drüben mit in das Kaffeehaus hinein, daß wir ein Glas auf bessere Bekanntschaft und bessere Zeiten trinken.«

Theobald hatte Nichts dagegen; er bedurfte selber einer kleinen Aufregung, der niederschlagenden Erfahrung von heute Morgen etwas entgegenzuarbeiten, und Herr Heindel bestellte zu dem Zweck, gleich wie sie den Saal des sogenannten Cafés, wo aber fast nur Spirituosen feil gehalten wurden, betraten, eine Flasche Champagner.