»Thüren auf — um Gottes Willen — Feuer aus!«
Die Feuerleute fuhren empor und horchten, den Befehl nicht gleich begreifend, auf, als ein grell und dröhnend schmetternder Schlag das Boot bis in den Kiel erschütterte. Kochend heißer Dampf füllte zugleich einen Theil der unteren Räume, während Wolf und Georg entsetzt einen weißen zischenden Strahl über sich hinausschießen sehen, dem Trümmer und Balken, wie von dem Ausbruch eines Vulkans hinausgeschleudert, folgten. Ein Moment todtenähnlicher Stille folgte diesem Knall, aber im nächsten Augenblick schon schlugen die ausgeworfenen Stücke auf das Wasser nieder, während jammernde Menschenstimmen nach allen Richtungen hin laut wurden.
»Die Kessel sind geplatzt!« gellte der schrille Weheruf über die Fluth und die, durch die geborstenen Thüren hinausgeschleuderten brennenden Scheite Holz vermehrten nur noch die Verwirrung.
In diesem ersten Augenblick war sich auch, die schwer Verwundeten ausgenommen, noch Niemand bewußt, welches Unglück sie am Meisten bedrohe, ob das Boot sinke oder brenne oder ein zweiter Schlag sie vielleicht Alle zerstückt in die Ewigkeit senden würde — keinen Schritt weit konnte man dabei vor sich hinsehn, oder selbst den nächsten Nebenmann erkennen, so füllte dicker weißer zischender Qualm den ganzen Raum und lag wie ein dichter, undurchdringlicher Schleier auf dem Boot.
Bald aber änderte sich das Schauspiel — ein scharfer Windzug der über den Strom herüber strich, fegte wie mit einem Schlag den Nebel über Bord, und als Georg und Wolf zurück vor die Kessel sprangen, bot sich ihren Augen ein Anblick, der ihnen das Blut in den Adern starren machte.
Von den Leuten, die dort noch vor wenigen Minuten gesund und kräftig gestanden, lagen vier todt und zerstückt über das Holz hingeschmettert, das von glühenden Scheiten bestreut, zu brennen begann. Durch das Boilerdeck und in die obere Cajüte hinein, war ein mächtiges Loch geschlagen, aus dem Winseln und Hülferufen wiedertönten, und beide Schornsteine — riesige wohl dreißig Fuß hohe Röhren von schwarzem Eisenblech mit fünf Fuß im Durchmesser hingen zerrissen über Deck, und neigten das Boot nach der Seite, während aus dem Zwischendeck ebenfalls schrilles und markdurchschneidendes Hülfegeschrei hervorgellte.
Die beiden jungen Leute, ohne für den Augenblick an einen der Verwundeten zu denken, griffen nur rasch die brennenden Scheite auf und warfen sie über Bord — noch größeres Unheil von dem Boote und seiner übrigen Mannschaft abzulenken, als ein neuer Schreckensruf auch diese Arbeit unnöthig machte.
»Wir sinken — wir sinken!« schrie es von der anderen Seite herüber »wir sind verloren!«
Wolf sprang wieder an den Rand des Bootes, sich von der Wahrheit des Rufs zu überzeugen, und fand hier wirklich daß die Guards kaum noch einen halben Fuß von der Oberfläche des Wassers entfernt waren, ja konnte den gurgelnden stillgrollenden Ton sogar hören, mit dem die gierige Fluth sich in einem irgendwo nicht weit von dort entfernten Leck sog. Dicht unter ihnen, denn das Boot, das jetzt keinen Fortgang mehr machte, trieb mit der Strömung wieder abwärts, ragten aber Bäume und dunkle Stämme aus dem Wasser — sie befanden sich gerade oberhalb derselben Insel, an der sie vorhin hinaufgelaufen, und wenige Minuten noch mußten ihr Schicksal entscheiden.
Georg hatte sich indessen über die Unglücklichen gebeugt, die der erste Schlag des platzenden Kessels getroffen, und erkannte mit Schaudern unter ihnen Carl Bergers Gestalt, der mit zerschmetterter Schulter, blutend und bewußtlos über die Scheite hingeworfen lag. Wohl athmete er noch, aber wie war ihm hier Hülfe zu bringen?