Ein heftiger Stoß traf zu gleicher Zeit gegen das Boot, unter dem die eine, das Boilerdeck tragende und stark gesplitterte Decke zusammenbrach, während ein Theil des vorderen Decks ihr nachfolgte. Die Frauen kreischten, die Verwundeten stöhnten und winselten, die Männer fluchten wild durcheinander, und hie und da sprangen Einzelne in Todesangst über Bord, die dort aus dem Wasser ragenden Äste versenkter Bäume zu erfassen, und sich dadurch vor dem, ihnen gewiß scheinenden Untergang des Bootes zu retten. Von dort aber konnten sie nirgends an Land; die dunkle Fluth quirlte und gurgelte dabei um sie her, und als ihre Kräfte erschlafften, und das kalte Wasser ihre Glieder mit Fieberfrost schüttelte, schrieen sie von dort herüber, wieder an Bord geholt zu werden.
Aber das Boot sank nicht, und ob auf den Sand, oder irgend einen schützenden, unter Wasser liegenden Stamm gelaufen, wohin es durch die mächtige Strömung gedrängt worden, blieb es sitzen, und nur das Vordertheil, gegen das die volle Fluth anpreßte, drückte sich halb unter Wasser, und ließ das schäumende Element darüber hinspritzen.
Wohl eine halbe Stunde verging, ehe nur einiger Maßen der erlittene Schaden übersehn, und Ordnung in das durcheinander Schreien und Stürzen der zum Tode erschreckten Menge, unter der sich auch mehre Frauen aus Cajüte und Zwischendeck befanden, gebracht werden konnte. Georg Donner hatte indessen den schwer verwundeten Landsmann mit Wolf's Hülfe zurück in das höher liegende Zwischendeck gebracht, wo jetzt auch die übrigen Todten und Verwundeten auf aus den Coyen gerissenen Matratzen gebettet wurden, und die beiden jungen Leute gingen dann daran, das Terrain zu untersuchen, auf dem sie sich befanden.
Mit einer über Bord geschobenen Planke, von denen der Zimmermann eine Menge auf dem hinteren Deck liegen hatte, fühlten sie daß das Wasser dicht hinter dem Boot und nach der Insel zu kaum vier Fuß tief war, und von übereinander gestürzten und dort anschwemmten Stämmen fast überdeckt wurde. Durch diese hin arbeiteten sie sich bis zu der, höchstens zwanzig Schritt entfernten Sandbank, die an dichtes Gestrüpp und Unterholz hinanlief. Wolf watete dann zum Boot zurück und ließ sich von dort unter den Kesseln vor, ein brennendes Scheit herüber reichen, das an seinem unteren Ende mit einem rasch aufgegriffenen Kopfkissen aus dem Zwischendeck, umwickelt wurde, um es in der Hand halten zu können. Dieß trug er zum Ufer, und bald loderte dort, von hinzugeschleppten, niedergebrochenen dürren Ästen reichlich genährt, ein helles Feuer auf, das die unheimliche Scene des gestrandeten Bootes mit seinem rothen Lichte übergoß.
Nun wünschte der Capitain besonders, an Bord zu bleiben und den Tag zu erwarten, damit sie von einem vorbeikommenden Boot konnten abgeholt werden; der Steuermann aber, der vorn am Bug das Wasser untersucht und es dort weit tiefer gefunden hatte als das Boot war, erklärte jetzt daß dieses nur auf irgend einen Stamm oder Ast aufgeritten sei, und jeden Augenblick von diesem abrutschen oder ihn niederdrücken könne, wo sie dann gar nicht sicher wären das ganze Boot dem einsinkenden Bug nachfolgen zu sehn; je eher sie daher das Wrack verließen, desto besser.
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Die Leute gingen denn auch, unter des Steuermanns Leitung, rasch daran eine sogenannte »stage« von zusammengebundenen Bretern zu bauen, die eine Brücke bis an Land bilden sollte, denn die Jölle war, bis Bahn gehauen werden konnte, in den verworrenen Ästen nicht zu brauchen. Diese halfen ihnen aber vortrefflich den rasch hergerichteten Plankenweg, oder die ihn haltenden Taue, zu tragen, und das beendet, wobei sie noch durch einen plötzlichen Ruck, den das Boot gab, zu größerer Eile angetrieben wurden, trugen sie vor allen Dingen die Verwundeten hinüber auf den Sand und neben das wärmende Feuer, wo ihnen die unverletzt gebliebenen Passagiere ein so gutes Lager als möglich herrichteten, während die Mannschaft dann beordert wurde zu retten was irgend anging.
Dazu aber behielten sie keine Zeit; der Steuermann hatte nur zu recht gehabt als er trieb das Boot zu verlassen, denn durch das in den Raum gedrungene Wasser, das besonders die Zuckerladung gleich sättigte, war der Rumpf so furchtbar schwer geworden, daß ihn der Stamm, auf den er jedenfalls aufgesessen, nicht mehr zu tragen vermochte, jetzt ein Stück nachgab, und dann, vielleicht mit der Wurzel ausgehoben, den Vordertheil des Boots niedergleiten ließ.
Die kecksten der Matrosen und Feuerleute, und unter ihnen der junge Wolf, denn Georg war mit den Verwundeten beschäftigt, ließen sich allerdings nicht durch das erste Sinken abhalten, sprangen nur zurück auf das hintere Deck, wo sie sich festhielten, und erwarteten das Weitere, ob dieser Theil des Bootes über Wasser bleiben, oder dem vorangegangenen Gewicht nachfolgen werde. Einen Augenblick schien es auch als ob es sich setzen wolle, aber ein neuer Stoß warnte sie bald auf ihre eigene Sicherheit bedacht zu sein; noch einen Moment schwankte das große mächtige Boot, das jetzt halb seitwärts gegen die Strömung angedreht war, dann preßte diese es auf die Seite; das was es bis dahin noch gehalten gab nach, und schwerfällig die Fluth von sich abstoßend, die vor der andringenden Masse zurückwich, um gleich nachher nur so viel gieriger über die Beute herzufallen, glitt das Wrack in so tiefes Wasser hinein, daß nur der obere Theil seiner Cajüte an der Larbordseite daraus hervorsah, und die schmutzig gelbe Fluth gar unheimlich mit den weiß und gelben Zierrathen der blitzenden Fensterreihe spielte.
Die Leute hatten dabei wirklich kaum Zeit gehabt sich über die Planken hin an Land zu retten, und standen jetzt, ihres Alles beraubt, halbnackt, naß, erschöpft, Einzelne davon selbst ohne Hut und Schuhe, auf dem kahlen Sand der Insel.