Sycamorestreet hinauf und in eine der Queerstraßen, die mit dem Strom parallel laufen, einbiegend, erreichten sie endlich ein Haus, das nicht mit dem entsetzlichen »Deutsches Coffe-Haus« wie fast alle Schnapskneipen die Überschrift tragen, versehen war, sondern wo ein weiß und blaues Schild — ein Stückchen Heimweh des bairischen Bierbrauers — dem durstigen Wanderer mit lakonischen aber zum Herzen sprechenden Worten kündete, daß hier ein gutes Bier verzapft werde. Es war keine Prahlerei mit dem Worte Bairisch dabei, kein Coquettiren mit der Zugabe »Amerikanisch« — es hieß nur »gutes Bier« und ein kleines hölzernes Täfelchen was darunter hing trug, anscheinend mit dem in Stiefelwichse getauchten Finger geschrieben, die Worte:
Limburger Käse!
Schweizer Käse!
Rettiche!
Der Platz bedurfte weiter keiner Empfehlung, und Hopfgarten betrat mit einer gewissen Art von heimischem Wohlbehagen den kleinen niederen, schon von zahlreichen Gästen belebten Raum, wo sie kaum seinen Begleiter erkannten, als ihnen auch an einem der Tische Raum gemacht und sie freundlich eingeladen wurden sich dort niederzulassen.
»Meine Herren,« begann da Bohle seinen Gast vorzustellen, »ich bringe Ihnen hier ein Opfer der Etikette, einen Unglücklichen, den Hohlziegel mit Cincinnati-Ausbruch vergiftet und der Doktor Held außerdem aus der Haut getrieben hat vor langer Weile. Der Herr hier ist erst vor kurzer Zeit von Deutschland herübergekommen, heißt von Hopfgarten und würde Cincinnati mit der moralischen Überzeugung verlassen haben, daß es der ekelhaft langweiligste Platz unter der Sonne sei, und die Deutschen darin nicht einmal deren Scheinen verdienten. Ich habe ihn gerettet, unter den Arm genommen und bin mit ihm hierher an Land geschwommen — bitte meine Herren, stellen Sie sich jetzt eigenhändig vor, damit unser neuer Freund weiß woran er ist, und in welch anständiger Gesellschaft er sich eigentlich befindet. — Sie Lochhausen, fangen Sie einmal an; aber hallo hier Brand, bringen Sie uns doch Bier, zum Donnerwetter, sollen wir denn an der Quelle verschmachten. Zwei Quart Bier und einen halben Limburger Käse! also Lochhausen.«
»Ich heiße von Lochhausen,« sagte der junge Mann, der dicht neben Herrn von Hopfgarten saß, ein junger blondhaariger Bursche mit blauen treuen und doch lebendigen Augen, »und bin Zeitungsträger beim Volksblatt, wie auch Exzeitungsträger des Christlichen Apologeten, habe aber die Hoffnung, wenigstens das Versprechen der betreffenden Behörden, denen ich durch meine Familie dringend empfohlen bin, eine feste Anstellung als Straßenkehrer für Sycamore und Wallnutstreet zu bekommen.«
Hopfgarten sah seinen Führer von der Seite an, denn unwillkührlich stieg der Verdacht in ihm auf, daß man sich vielleicht auf seine Kosten amüsiren wolle, und ihn für »grün« genug halte zu glauben was man ihm eben aufbinde. Bohle, der aber etwas Ähnliches vielleicht vermuthen mochte, sagte freundlich:
»Fürchten Sie nicht, lieber Herr, daß Ihnen Einer der Leute hier eine Unwahrheit erzählt, sie würden Alle über ihn herfallen; die ganze Geschichte soll Ihnen auch eigentlich nur einen Beweis liefern, wie uns das Schicksal hier zusammengewürfelt hat, und was wir treiben. Am Tag müßten Sie Gott weiß wo überall umherkriechen uns anzutreffen, Abends finden wir uns aber gewöhnlich hier von selber zusammen; nicht aus freiem Willen übrigens, sondern durch die Nothwendigkeit zu einander getrieben, einen Anhalt in uns selber gegen das praktische Leben draußen zu haben. Jetzt kommen Sie Höfner.«
»Meinen Namen haben Sie eben gehört« sagte der also Aufgerufene, mit einer leichten freundlichen Verneigung gegen den Fremden; »ich bin der Sohn des früheren Justizministers Höfner aus — seit zwei Jahren in Amerika und im ersten halben Jahr in einer Kohlengrube in Pennsylvanien beschäftigt gewesen. Die Arbeit war mir zu hart, ich ging deshalb als Koch auf ein Dampfboot, wurde später Bäcker in Dayton und drehe jetzt Cigarren, in welchem Geschäft ich mir schmeichle ziemliche Fertigkeit erlangt zu haben.«
»Ich heiße Sorgfeld,« sagte der Dritte, »war früher Officier in Braunschweigischen Diensten, kam vor drei Jahren nach Amerika, wurde Farmer, d.h. diente anderthalb Jahr als Ackerknecht, bekam Streit mit einem Amerikanischen Advokaten in der Nachbarschaft, und flüchtete in Folge eines Duells nach Ohio, wo ich jetzt Bilderrahmen in der Spiegelfabrik von Hoppe & brothers vergolde.«
Der vierte war eine etwas schwammige, eben nicht übermäßig reinliche, in einen grauen Sommerrock eingeknöpfte Gestalt mit einem dicken aufgedunsenen Gesicht, in dem aber Humor und viel Gutmüthiges lag, trug eine Brille schief auf der Nase, daß er über das eine Glas hin und unter dem anderen weg sah, und hatte eine Gewohnheit sich mit den Fingern durch das lange dünne feuchte Haar zu fahren.